Tradition Kirchweih in Bayern

Gaudi bei der Kirchweih. Foto: IMAGO/Westend61

Früher war die Kirchweih in den Dörfern noch ein Highlight im Jahreskalender. Der Ablauf und die Bedeutung haben einen grundlegenden Wandel erfahren. Der Spaß am Feiern ist geblieben (Archivbeitrag).

Als Kind war Dr. Norbert Göttler, Bezirksheimatpfleger in Oberbayern, ein treuer Ministrant. Ihm sind die Festlichkeiten in den 1960er-Jahren am “Kirta” in seiner Heimat bei Dachau noch gut in Erinnerung: “Die Kirchweih war natürlich ein christliches Fest und wurde am Morgen auch mit einem feierlichen Gottesdienst und viel Weihrauch zelebriert. Dann aber gingen die Festlichkeiten ins Weltliche über”, schmunzelt er.

“Bei uns auf dem Hof gab es keine Kirtahutschn, aber beim Nachbarn hing eine unterm Vordach”, erinnert sich Göttler. Auf der langen Schaukel, die traditionell mit zwei Seilen unter dem Scheunenvordach aufgehängt wurde, hatten auch die Erwachsenen ihren Spaß. Eine ganze Reihe von Leuten passte auf den mehrere Meter langen, glatten Balken und die Gaudi war riesengroß bei dem wilden Ritt – musste man sich doch beim Vorder- oder Nebenmann festhalten. Doch heutehat Kirchweih, Kirta, Kerwa – oder wie auch immer das Fest in den verschiedenen Mundarten heißt – nicht mehr die Bedeutung von früheren Zeiten.

Im Wandel der Zeit


Bis zum Barock wurde die Kirchweih in jedem Dorf an einem anderen Tag gefeiert. Am Patroziniumsfest – also dem Gedenktag des Heiligen, dem die Kirche geweiht war – trafen sich die Leute aus der ganzen Region am Ort. Der Obrigkeit war der “Fleckerlteppich” ein Dorn im Auge. Man wollte die Kirchweihfeste in der Barockzeit reduzieren. Dies war die Geburtsstunde der Allerweltskirchweih. An diesem Tag sollte rund um den Erdkreis jede Kirche ihre Einweihung feiern. Festgelegt wurde der dritte Sonntag im Oktober. Doch auch die “Kleine Kirchweih” – das Patroziniumsfest – hielt sich hartnäckig.

Kirchweih gestern und heute 

 

Urlaub im heutigen Sinne kannten die Bauern vor 100 oder 150 Jahren noch nicht. Die Kirchweih war also wie ein “Kurzurlaub”, bei dem man den Alltag hinter sich lassen konnte. Es gab herrliches Essen, oft wurde ein Schwein geschlachtet und die Kirchweihgans kam auf den Tisch – Letztere aber eher bei den Städtern. Die Kiachel, das traditionelle Schmalzgebäck, entstanden in den sonst so sparsamen bäuerlichen Haushalten unter Verwendung von verschwenderisch viel Fett. Sollten sich doch die vielen Familienmitglieder und das Gesinde einmal richtig gütlich tun an den feinen Speisen. Bier gab es nicht zu knapp, das verstand sich von selbst. 

 

“Als weiteres weltliches Element wurden Märkte abgehalten”, erzählt Göttler. In einer Zeit, wo die Läden in den Städten unerreichbar waren für die Dorfbevölkerung, wurden Kleidung, Haushaltswaren und alle anderen Dinge des täglichen Bedarfs an den wenigen Märkten im Jahr vor Ort erstanden. So mancher Bursche wird an Kirchweih seiner Angebeteten ein samtenes Kropfbändchen als Zierde für den Hals oder eine Haarspange zugesteckt haben, die er von seinem spärlichen Lohn am Marktstand erworben hatte.

“Es liegt auf der Hand, warum die Kirchweih in den letzten 100 Jahren an Bedeutung verloren hat”, sagt Dr. Norbert Göttler. Wer nicht auf dem Bauernhof arbeitet, für den markiert der dritte Sonntag im Oktober nicht mehr den ersehnten Abschluss eines harten Erntejahres. Kiachel gibt es jeden Tag des Jahres frisch beim Bäcker um die Ecke. Statt auf die Kirtahutschn, geht es im Freizeitpark auf den Fünfer-Looping. Wer seiner Freundin ein Geschenk kaufen will, muss nicht Monate auf den nächsten Markt warten. 

 

Relikte der Kirchweihtradition sind jedoch landauf, landab in den regionalen Ausprägungen noch immer vorhanden. Ob es der festliche Umzug vor dem Kirchgang ist, die gemeinsame Einkehr im Dorfwirtshaus mit angereisten Verwandten oder die Tradition des Kirtabaumes im Zentrum des Ortes. Der wird vor allem in der Oberpfalz meist von der Dorfjugend, liebevoll geschmückt, aufgestellt. 

 

Gefeiert wird also immer noch, nur etwas anders. Der Wunsch nach Geselligkeit und Vergnügen steht aber beim Kirchweihfest weiter im Mittelpunkt. Und auch die Kirtahutschn erlebt eine Renaissance. Die Schaukel-Gaudi ist 2020 aber auch digital zu bestaunen: Davon zeugen zahlreiche Video-Clips im Internet.

Lesen Sie mehr zur Kirchweih in der Ausgabe 04/2020.

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Matthias Jell

Matthias Jell

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