Veste Oberhaus: Burg und Wahrzeichen von Passau

Die Veste Oberhaus in Passau ist eines der Wahrzeichen der Dreiflüssestadt in Niederbayern. (Foto: Gregor Peda/Pedagrafie)

Seit über 800 Jahren thront die Veste Oberhaus über der niederbayerischen Stadt Passau. Früher kämpften die Bürger gegen den Burgherrn, heute sind die Bewohner der Dreiflüssestadt stolz auf die Festung, die mit ihrem Museum jährlich Zehntausende Besucher anzieht. Im Jubiläumsjahr wird die Geschichte einer der größten erhaltenen Burganlagen Europas wieder lebendig.

Die Reise zurück zum Ursprung der Veste Oberhaus ist eine Reise in eine Vergangenheit, die von Machtkämpfen geprägt war. Gebaut im Jahr 1219, wurde die Veste Oberhaus mehrfach umgestaltet und erweitert, musste immer neuen Ansprüchen genügen. Die Entwicklung von der mittelalterlichen „Georgsburg“ zur mächtigen Festung im 17. Jahrhundert war von äußeren Ereignissen ebenso geprägt wie vom veränderten Denken in der Neuzeit.
Dr. Stefanie Buchhold führt durch das Labyrinth der Ausstellungsräume im Oberhausmuseum, bis sie einen großen, lichtdurchfluteten Raum mit dunkler Holzdecke und frisch getünchten, hellen Wänden erreicht hat. „Das ist der tollste Raum für mich“, schwärmt die Museumsleiterin, „weil es einfach gigantisch ist, wie revolutionär er war.“ Der um 1500 entstandene „Rittersaal“, wie er nicht ganz korrekt seit dem 19. Jahrhundert genannt wird, war seiner Zeit voraus: ein Vorgeschmack auf die Ideale der Renaissance, vor allem aber auch ein Machtinstrument.
Der Raum diente der Repräsentation: „Man entwickelte ein Hofzeremoniell und brauchte dafür einen größeren Empfangssaal. Hier kann man Gäste empfangen, tafeln, tanzen.“ Fest steht für die Historikerin: „Das ist kein mittelalterlicher Saal – hier wird ein Blick generiert, wie er für die Renaissance typisch ist.“ Durch die hohen Fenster sah der Fürstbischof, der die geistliche und weltliche Macht über das Hochstift Passau innehatte, weit hinaus in die Ferne. Er blickt aber auch herab auf seine Untertanen, die ehemals aufsässigen Passauer.

Vorbild Regensburg

 

Aus leidvoller Erfahrung wussten die Fürstbischöfe seit Langem, dass sie nicht nur ihre unmittelbaren Nachbarn in Bayern und Österreich, sondern auch die eigenen Bürger stets im Blick behalten sollten. Schon als Bischof Ulrich II. im Jahr 1219 den Grundstein für die Burg auf dem Georgsberg legte, ging es ihm um die Sicherung seiner Macht gegenüber den Untertanen. 1298 kam es zum ersten Aufstand: Die Bürger wollten sich nicht länger der Geistlichkeit unterwerfen, sondern eine unabhängige Stadt, die sie selbst verwalteten, ähnlich der Freien Reichsstadt Regensburg. Sie erhoben sich erneut im 14. Jahrhundert, doch jeder Aufstand schlug fehl. Dafür ging die Rechnung der Fürstbischöfe auf, die in den Ausbau der Veste Oberhaus investiert hatten, wo sie sich verschanzten und die Stadt mit Steinkugeln beschießen ließen.

Die hölzerne Brücke führt die Besucher durch den Torturm in den äußeren Burghof. (Foto: Gregor Peda/Pedagrafie)
Heute ist das Verhältnis der Stadt zur Burg friedlich: Die Passauer nutzen den „Rittersaal“ als Veranstaltungsraum. Zwar kann man den Saal nicht für Privatzwecke mieten, aber es finden Tagungen und Filmvorführungen statt. Das Architekturkonzept, das der fortschrittliche Bauherr des Gebäudes, Fürstbischof Christoph von Schachner, aus Italien mitgebracht hatte, funktioniert auch im 21. Jahrhundert noch. Im Vergleich zu anderen Residenzen ist der Saal der Veste Oberhaus relativ klein, viel mehr als 150 Personen fasst er nicht.

Italien als Inspiration

 

„Man hatte hier auf dem Felsen, auf dem die Veste steht, einfach nicht mehr Platz.“ Die Historikerin geht davon aus, dass der Saal dekoriert gewesen war. Die Ornamentfelder befinden sich heute im Bayerischen Nationalmuseum, wo vieles für die „Passauer Stube“ fest verbaut wurde. Fürstbischof Christoph von Schachner war stark von Italien beeinflusst, der Wiege der Renaissance. Er selbst hatte nicht mehr viel von dem nach ihm benannten Gebäude: Am 3. Januar 1500 starb er plötzlich, vermutlich an den Folgen eines Schlaganfalls. Doch sein Bau steht nun im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses: Es ist eines der wenigen Burggebäude, die noch ihr schräges Originaldach besitze. In den Balken konnten Bauforscher kürzlich nachweisen, dass das Gebäude 70 Jahre älter ist als ursprünglich angenommen – für die Historiker eine Sensation. „Das ist einer der frühesten Renaissance-Bauten nördlich der Alpen“, stellt die Museumsleiterin fest.

Auf dem Weg in die Privatgemächer des Fürstbischofs gibt es noch einen – eher skurrilen – Superlativ zu besichtigen: Beim Gang durch eine von Säulen gesäumte Loggia – auch hier wird der italienische Einfluss deutlich – weist Dr. Buchhold auf die (moderne und funktionstüchtige) „Toilette mit der schönsten Aussicht“ hin, die jeder Besucher im Rahmen der Besichtigung benutzen darf (nicht zu verwechseln mit dem „Plumpsklo“-Modell in einem ungekühlten, verdunkelten Raum der Mittelalter- Sammlung, das nur anschaulich machen soll, wie ungemütlich das Leben auf einer mittelalterlichen Burg war).

Beeindruckender Panoramablick

 

Ein spektakulärer Ausblick begegnet einem auch in der Privatkapelle des Fürstbischofs in dessen Gemächern. Von hohen Erkerfenstern aus sieht man auf die Flüsse Ilz, Donau und Inn, dahinter erstreckt sich die hügelige Landschaft. In der Renaissance wurde die Natur auch als ästhetischer Genuss wahrgenommen. Die weite Sicht wirkt wie eine Metapher für das Erwachen des geistigen Lebens. „Man erkennt auch einen gewissen intellektuellen Anspruch darin, dass die Kapelle dem Heiligen Hieronymus gewidmet ist“, sagt Dr. Buchhold. Hieronymus gilt als der gelehrteste der lateinischen Kirchenväter. Die Wände der Privatgemächer zierten ursprünglich Fresken, die Jagdszenen darstellten, doch in den 1930er Jahren wurden sie abgeschlagen. Heute sind die Räume schmucklos, zeugen aber dennoch vom „modernen“ Geschmack der Fürstbischöfe.

Der spektakuläre Ausblick von der Veste Oberhaus auf Passau. (Foto: Gregor Peda/Pedagrafie)
Von der Frühen Neuzeit geht es zurück ins Mittelalter. Wir durchqueren ein Labyrinth von Räumen und Gängen, gehen dann eine Treppe hinab. Dr. Buchhold öffnet eine schwere Holztür. Dahinter kommt der Innenraum einer romanischen Kapelle zum Vorschein, mit hohem Gewölbe, die Wände bunt bemalt. Man fühlt sich sofort ins Mittelalter versetzt, einen größeren Kontrast zum eher nüchternen Festsaal kann man sich kaum vorstellen. Dieser älteste noch erhaltene Teil der Burg geht auf die Entstehungszeit 1219 zurück. Außergewöhnlich sind hier auch die Fresken. Die Museumsleiterin deutet auf die Westwand, an der Reste der Bemalung zu erkennen sind: „Hier werden die Martern des Heiligen Georg dargestellt“, sagt sie. Das sei etwas Besonderes, eine sehr alte Darstellung des Heiligen: „Nicht der Triumph über den Drachen wird hier gezeigt, es kommt auch kein Drache vor. Nein, Georg erleidet Martern und stirbt den Märtyrertod.“
Neben Georg sind auch noch weitere Heilige zu sehen: „Da ist der Heilige Christopherus dabei, der Heilige Stefan, der Heilige Oswald“, zählt Dr. Buchhold auf. Doch die Darstellung gibt immer noch Rätsel auf. „Es sind zwei Bildergeschichten zu sehen, doch Ursprung und genaue Deutung der Geschichte liegen im Dunklen.“

Der Bergfried der Veste

 

Die Kapelle ist nur ein kleines, aber wesentliches Überbleibsel aus der Entstehungszeit der Burg. „Es gab auch einen riesigen Bergfried“, erzählt die Historikerin. Das war ein Hauptturm einer mittelalterlichen Burg. Man kann seinen Standort noch lokalisieren, aber von ihm selbst ist nichts mehr erhalten: Im 17. Jahrhundert wurde er abgerissen. Reichlich spät, wenn man bedenkt, wie wenig Platz der Felsen bot, auf dem die Burg steht. Warum riss man ihn nicht früher ab? „Vermutlich ließ man den Bergfried stehen, weil man damit zeigte, dass man auf eine lange Geschichte zurückblickte.“ Die Legitimierung der Macht war besonders für die Fürstbischöfe wichtig, die anders als weltliche Herrscher keine Erbfolge hatten.

Als nächstes geht es zur „Batterie Linde“, einer Art Terrasse, die bis ins 18. Jahrhundert zum Dinieren genutzt wurde. Auch hier hatte der Fürstbischof seine Stadt und die drei Flüsse, die sich zur Donau vereinen, im Blick. „Man war im Sommer hier oben und genoss den Blick“, ist sich Dr. Buchhold sicher. Man erkennt auch, wie sehr die Bewohner der Altstadt Passaus der Beobachtung des mächtigen Stadtherrn ausgeliefert waren. Es gab wenig Möglichkeiten für die Bürger, woanders zu bauen: Nach Osten grenzt Österreich an, nach Westen bis 1806 Bayern. Dann wurde Passau bayerisch und eine Expansion der Stadt auch in diese Richtung möglich. Heute genießen die Besucher von dort, wo einst Kanonenkugeln in Richtung Passau flogen, den schönsten Blick.

Dieser Beitrag stammt aus dem Archiv. Hier finden Sie die aktuelle Ausgabe von Bayerns Bestes.

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Matthias Jell

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