Heimliche Highlights in Lindau am Bodensee

Der Hafen von Lindau am Bodensee. Lindau ist eine Insel am östlichen Bodenseeufer, rund 70 Hektar groß und damit das zweitgrößte Eiland im Schwäbischen Meer. Foto: IMAGO / Rainer Weisflog

Lindau am Bodensee ist vor allem bekannt für seine denkmalgeschützte Altstadt und die Hafeneinfahrt. Doch die Stadt hat noch viel mehr zu bieten. Der ehemalige Bürgerschreck und heutige Stadtrat Max Strauß zeigte Bayerns Bestes, auf welche Errungenschaften er besonders stolz ist.

„Jetzt kommen die Nackten auf die Insel“, titelte 1982 die örtliche Tageszeitung, als das Jugendkulturzentrum Club Vaudeville ein Stadtfest ankündigte. Eine Befürchtung, die die konservativen Lindauer Bürger teilten: Denn ein Jahr zuvor hatten die Organisatoren des Clubs zum „SuMPF“ geladen, dem „Spiel-und-Musik-Prachtfest“. Statt der erwarteten 3 000 Besucher waren in den drei Tagen 20 000 gekommen: Laute Musik, lange Haare, nackte und halbnackte Menschen, die im strömenden Regen tanzten – für das beschauliche Lindau ein Skandal. Ihre Empörung hielt die Bürger aber nicht davon ab, das Geschehen vom Waldrand aus mit Ferngläsern zu beobachten, wie sich Max Strauß erinnert: „Jeder hat geglotzt.“ Strauß, Jahrgang 1954, war damals einer der jungen Initiatoren des Festivals. 1982 planten er und seine Mitstreiter dann das erste Stadtfest auf der Insel. Die Bürger ahnten Schlimmes – doch ein zweiter Skandal blieb aus. Heute, fast 40 Jahre später, gehören das Stadtfest ebenso wie das Musikfest „Umsonst & Draußen“ zu den Veranstaltungen, die aus dem Kulturleben Lindaus nicht mehr wegzudenken sind.
Das Zeughaus wandelte sich vom Waffenlager zur Theater- und Konzertbühne. Foto: Franziska Meinhardt
„Es hat sich viel getan in den vergangenen 30 Jahren“, bestätigt Max Strauß, als ich ihn am Bahnhof treffe. Er will mir Orte in der Stadt zeigen, die Lindau als moderne, kulturell vielseitige und umweltbewusste Stadt definieren. Der Bahnhof ist perfekt für den Beginn unserer Tour: Nicht nur, weil man die Markenzeichen Lindaus gleich vor Augen hat – den Bayerischen Löwen und den Leuchtturm im Hafen –, und die malerische Altstadt zum Flanieren lockt. Sondern auch, weil man hier bereits sehen kann, was sich getan hat, zum Beispiel in Sachen Verkehrsberuhigung. „Als ich 1972 meinen Führerschein machte, haben sie mich noch eine Gasse hoch- und die andere heruntergeschickt.“ Heute ist ein großer Teil der Altstadt Fußgängerzone.

Zahlreiche Touristen kommen jährlich nach Lindau am Bodensee

 

Weniger Autos in der Stadt – das ist ein Ziel, für das sich Max Strauß mit Gleichgesinnten seit Jugendtagen einsetzt. 1981 gründeten die Freunde die „Bunte Liste“ – heute die stärkste Fraktion im Stadtrat. Ihre Mitglieder sind auch heute noch der Ansicht, dass es zu viele Autos in Lindau gibt. „Aber ich habe gelernt, dass man nicht die Menschen ändern kann, sondern man muss die Strukturen ändern.“ Was Strauß freut: Viele Bodensee-Touristen fahren mit dem Fahrrad, 200000 davon passieren Lindau pro Jahr. Die Stadt hat sich darauf eingestellt. Im Bahnhof gibt es große Fahrradboxen, in denen man sein Bike einschließen kann. Am Alfred-Nobel-Platz vor dem Bahnhofsgebäude steht eine grüne Säule, eine Fahrrad-Reparaturstation, die jeder kostenlos benutzen darf. Diese Stationen gibt es auch an den Endbushaltestellen, manche sind überdacht. Sogar die Fahrradständer sind hier hochwertiger als anderswo. „Wer mit dem Fahrrad kommt, ist in Lindau gut aufgehoben“, sagt Strauß. Wer nicht mit dem Rad fahren will, kann den Stadtbus nutzen, der alle 30 Minuten fährt und für Inhaber der Gästekarte kostenlos ist – das System war bei seiner Einführung 1994 so innovativ, dass es ausgezeichnet wurde. Natürlich kommt man damit auch aufs Festland.

Max Strauß (l.) und Martin Keller, der zweite Vorsitzende des Zeughaus-Vereins, am Narrenbrunnen vor dem Zeughaus. Foto: Franziska Meinhardt
Zunächst geht es zum Zeughaus am Unteren Schrannenplatz, einer kleinen, aber feinen Bühne. Das Gebäude stammt aus dem 16. Jahrhundert und war ursprünglich ein Waffenlager, wurde aber bereits seit 1651 immer wieder als Theater genutzt. Uns empfängt Martin Keller, ein echter „Insulaner“, wie er betont – er wurde auf der Insel geboren. Keller ist hauptberuflich Schreiner, nebenberuflich fertigt er Kunsthandwerk, das er in dem Geschäft „Die Handlung“ verkauft und engagiert sich als zweiter Vorsitzender des Zeughaus-Vereins für die Nutzung des Gebäudes. Seit 25 Jahren setzen sich die Mitglieder des Vereins dafür ein, dass das Baudenkmal nicht mehr ausschließlich als Lager dient, sondern ein Veranstaltungsort mit besonderem Charme wurde: Der Holzboden und die Jahrhunderte alten Balken sorgen für Atmosphäre zwischen den schlichten Stuhlreihen im Saal, der 199 Gäste fasst und bei Bedarf auch verkleinert werden kann. „Wir haben ein Kabarettprogramm mit vier bis fünf Veranstaltungen pro Jahr“, erzählt Martin Keller. „Außerdem 30 Konzerte von Mai bis Oktober.“ Neben lokalen Größen kommen auch überregional bekannte Künstler wie Christian Springer oder Maxi Schafroth. Nebenan gibt es einen Raum mit kleinerer Bühne, in dem Bands proben oder Theaterpädagogik-Veranstaltungen des Kulturamts abgehalten werden. Manchmal weicht der Verein auch auf das Stadttheater aus, man hilft sich gegenseitig. „Auch das Stadttheater nutzt das Kleine Zeughaus, dafür wird uns auch mal ein Flügel zur Verfügung gestellt.“
Als nächstes geht es auf die „Hintere Insel“ im Westen der Insel. Noch erreicht man sie vom Bahnhof aus über einen Steg, der über die Gleise führt. Bald wird die Bahn den Kopfbahnhof verkleinern und Passanten können dann barrierefrei zum Westufer gelangen. Ein großer Parkplatz, der einen Teil der Hinteren Insel zwischen Stern- und Pulverschanze in direkter Seenähe einnimmt, soll nach Plänen der Stadt abgerissen werden. Denn 2021 wird die Kleine Gartenschau in Lindau stattfinden, die Bauarbeiten haben schon begonnen. Ein Drittel des Parkplatzes wird in einen Bürgerpark verwandelt werden.

Direkter Zugang zum Wasser

 

Auch entlang des Schützingerweges, wo bislang eine Mauer den schmalen Weg vom Wasser trennt, sind Änderungen geplant: Künftig sollen Stufen zum See führen, die Grünfläche wird verbreitert. „Unser Thema ist der Gartenstrand“, erklärt Claudia Knoll, die Chefin der Lindauer Gartenschau. Kein Strand mit Sand oder Kies – das wäre aufgrund der manchmal zwei Meter hohen Wellen nicht sinnvoll – aber immerhin ein direkter Zugang zum Wasser, der hier bisher fehlt. Von der Lage Lindaus ist Claudia Knoll begeistert: „Der mediterrane Charakter hier ist ja ein Traum.“ Die Gartenschau-Geschäftsführerin legt Wert auf Ökologie und möchte Einheimischen und Besuchern „grüne Oasen näher bringen“, nicht nur auf der Insel, sondern auch auf dem Festland, wie etwa den 500 Jahre alten Aeschacher Friedhof.

Die letzte Station unserer Besichtigungstour ist der Ort, an dem alles anfing: der Club Vaudeville, der sich heute in einem kleinen Industriegebiet auf dem Festland befindet. „In dem Gebäude war früher eine Wirkerei“, erzählt Max Strauß. 1998 zog der Club ein. Gegründet wurde er bereits 1977, das Motto lautete damals: „Unsere gesamte Seele für die Kultur!“ Gemeint war vor allem: Kultur für junge Leute. Heute wird der Club auch von älteren Gästen besucht, etwa wenn das Kabaräh sein Programm Lindauer Vollpfosten präsentiert, bei dem lokale Ereignisse persifliert werden: „Da kommen Leute zwischen 16 und 80 Jahren.“ Die mit Veranstaltungsplakaten tapezierten Wände des Clubs zeugen von der Vielseitigkeit des Programms, sogar Rapper Sido war schon da – „allerdings war er damals noch nicht so berühmt!“, sagt Max Strauß. Dass sich der Club über 40 Jahre halten konnte, ist seit jeher dem Engagement seiner Mitglieder zu verdanken. Nachwuchsprobleme gibt es nicht. Noch immer wird in den „Montagssitzungen“ über das Programm diskutiert. Aber es wird nicht nur geredet. „Es wird viel in Eigenleistung gemacht“, bestätigt Strauß. Beim Einzug 1998 musste man die Räume erst herrichten, ein halbes Jahr haben die Mitglieder geschuftet. In den großen Saal passen 600 Besucher, auch einen großzügigen Backstage-Bereich für Künstler und ihre Entourage gibt es. Kürzlich haben einige Vereinsmitglieder neue Gäste-Toiletten eingebaut. Max Strauß packt als gelernter Installateur auch noch mit an.
Draußen scheint die Sonne, als unsere Tour zuende geht. Einen Tipp hat Max Strauß noch auf Lager: Der Uferpark Wäsen, ein weitläufiges Landschaftsschutzgebiet,das direkt an den Bodensee angrenzt, ist einer seiner persönlichen Lieblingsorte. „Von zu Hause aus gehe ich in fünf Minuten hinunter und da kann ich alles hinter mir lassen.“ Der Bodensee-Radweg führt hindurch oder daran vorbei. Ideal also für alle, die aufs Auto verzichten wollen.
In Lindau am Bodensee ist die Seepromenade, der Hafenplatz, der Alte Leuchtturm, der Mangturm oder Mangenturm, und der bayerische Löwe im Hafen besonders sehenswert. Foto: IMAGO/ imageBROKER/ValentinxWolf
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Christine Henze

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