Moore im Wandel vom gespenstischen Ort zum Naturerlebnis

In seinem Buch "Moore" befasste sich Autor Kurt W. Leininger unter anderem auch mit dem Schönramer Filz in Oberbayern. (Fotos: Leininger)

In der Nähe von Wien geboren, verschlug es Kurt W. Leininger in den 1970er Jahren aus beruflichen Gründen nach Salzburg. Dadurch wurde auch das Interesse des Fotografen und Autors für Moore geweckt. Mittlerweile hat der 74-Jährige zwölf Bücher geschrieben und sich dabei unter anderem auch seiner Faszination für die Moore in Österreich und Bayern gewidmet. Im Interview mit Bayerns Bestes erklärt Leininger, warum Moore die heimlichen Klimaretter sind und was es mit all den düsteren Legenden auf sich hat.

Herr Leininger, was macht für Sie die Faszination Moore aus?

 

Kurt W. Leininger: Moore haben mich immer schon fasziniert. Schon allein wegen ihrer mystischen, unberührten Natur. Zudem sind sie ein wunderbarer Naherholungsraum. Leider wurden Moore über Jahrzehnte sukzessive zerstört.

Sie spielen auf den Torfabbau an…

 

Leininger: Ja, natürlich. Hauptsächlich für die Industrie wurde in den Mooren Torf gestochen, der dann als Heizmaterial verwendet wurde.

 

Wie lange wurde denn Torf abgebaut?

 

Leininger: Das ging teilweise sogar bis Anfang der 2000er Jahre. Die abgebaute Torferde wurde überwiegend an Gärtnereien verkauft.

Wie wichtig sind Moore für das Öko-System und den Klimaschutz?

 

Leininger: Die abgetorften Moore sind praktisch kaputt. Regenwasser wurde dadurch nicht mehr absorbiert, sondern abgestoßen. Erst seit einigen Jahren versucht man, die beschädigten Moore zu renaturieren. Das Wachstum beträgt allerdings nur etwa ein Millimeter pro Jahr. Von der Gesamtfläche her machen Moore gerade mal etwa drei Prozent der Erdoberfläche aus. Trotzdem liegt ihr Anteil bei der CO2-Regulierung bei etwa 30 Prozent und damit deutlich höher als der aller Wälder weltweit.

Wann und wie ist bei Ihnen die Idee entstanden, den Mooren in Bayern und Österreich ein Buch zu widmen?

 

Leininger: Als ich in den 1970er Jahren nach Salzburg gezogen bin, habe ich die Freizeit mit meinen Kindern meist in der Region verbracht. Da waren Besuche der Moore naheliegend. Es hat mich im Laufe der Jahre schon beschäftigt, dass man förmlich zusehen konnte, wie die Moore immer kaputter wurden. Durch mein Buch wollte ich darauf aufmerksam machen.

Was war Ihnen bei den Recherchen für Ihr Buch wichtig?

 

Leininger: Schwerpunkt war vor allem die Entstehung der Moore. Dann wollte ich auch die Ausbreitung der Moore demonstrieren, ihren Wert der Fauna und Flora aufzeigen, aber auch die mystischen Legenden aufgreifen.

“Früher mieden die meisten Menschen die Moore”

 

Wie erklären Sie sich, dass Moore in der Gesellschaft meistens unter dem Radar laufen und oftmals nur als trostloser Sumpf angesehen werden?

 

Leininger: Das hat sich so entwickelt, weil Moore gemiedene Gegenden waren und man sehr viele negative Dinge reininterpretiert hat. Früher wanderten nur Jäger und vereinzelt auch Bauern durch die Moore. Alle anderen Menschen hielten sich von den Mooren fern. Man fürchtete, dass man dort versinken könnte und dort überall Gefahren und der Tod lauern könnten. Erst als die Menschen Torf als Brennstoff für sich entdeckten, änderte sich das Image der Moore ein wenig.

Vor allem der Mythos, dass Menschen im Moor versunken wären, hält sich ja bis heute hartnäckig…

 

Leininger: Das stimmt, aber das ist einfach nur ein Mythos. Mir ist kein einziger Fall bekannt, in dem ein Mensch im Moor versunken und gestorben wäre. Das ist faktisch nicht möglich.

 

Sie haben in Ihrem Buch auch die Geschichte vom „Drachen im Schönramer Filz“ abgebildet. Wie wurden Sie auf diese Geschichte aufmerksam?

 

Leininger: Ich habe damals mit einem Zeitzeugen gesprochen. Ein älterer Mann, der dort in der Nähe eine Zeit lang gearbeitet hatte. Dabei hatte er die alte Geschichte mit dem Drachen im Schönramer Filz gehört.

Der sogenannte "Ukrainer-Friedhof" am Schönramer Filz. Hier liegen 55 Menschen begraben. (Foto: Kurt W. Leininger)

Kein Mythos, sondern eine wahre und tragische Geschichte verbirgt sich ja hinter dem „Ukrainer-Friedhof“ im Schönramer Filz…

 

Leininger: Gegen Ende des 2. Weltkriegs wurden leerstehende Baracken im Schönramer Filz zu Krankenlagern umfunktioniert. Dort wurden hauptsächlich junge Frauen aus Osteuropa untergebracht. Wegen der schlechten Bedingungen starben viele von ihnen an Tuberkulose. Es ist schon sehr bedrückend, die Inschriften der Gräber zu lesen. Die meisten der dort begrabenen Menschen waren unter 20 Jahre alt.

“Damals waren die Leute furchtbar abergläubisch”

 

Kommen wir noch einmal zurück zu den vielen fantasievollen Geschichten, die sich um Moore ranken. Wie erklären Sie sich, dass in der Geschichte der Menschheit Moore immer wieder mit furchteinflößenden Gestalten und Kreaturen wie Geistern und Drachen in Verbindung gebracht wurden?

 

Leininger: Damals waren die Leute ja noch furchtbar abergläubisch. Für sie waren Irrlichter arme Seelen, die in den Mooren herumgeisterten. Die Menschen glaubten an den Pesthauch der Moore – alles in den Mooren war für sie gefährlich. Das war sicherlich ein Grund, warum kaum ein Mensch sich zu jener Zeit in die Moore wagte.

Haben sich solche Geschichten Ihrer Meinung nach im Laufe der Zeit negativ auf das Image der Moore ausgewirkt?

 

Leininger: Natürlich. Wenn man zum Beispiel einem Kind erklärt, dass es an einen bestimmten Ort nicht gehen darf, dann will es da erst recht hingehen. Wenn man aber immer wieder erzählt, dass dort womöglich der Tod lauert, dann traut sich niemand mehr dort hin.

 

Welchen Anteil haben Moorleichen Ihrer Einschätzung nach an diesen finsteren Legenden?

 

Leininger: Richtig ist, dass es Hinrichtungen in Mooren gab. Man hat Moorleichen gefunden, die mit Steinen beschwert waren, damit sie nie wieder auftauchen. Im Grunde genommen sind solche Funde aber verschwindend gering. Moorleichen hat man überhaupt nur im Zuge des Torfabbaus gefunden. Dadurch entstand ein Stück weit der Mythos, dass in Mooren Tote liegen.

So sieht das Moorbrot aus, das eine Bäckerei im Raum Salzburg herstellt. (Foto: Kurt W. Leininger)

Inwiefern wäre Ihrer Meinung nach nun ein Umdenken der Menschheit wichtig, um den Fortbestand der Moore zu sichern?

 

Leininger: Das ist ganz wichtig. Soweit ich weiß, stehen die Moore in Mitteleuropa mittlerweile fast alle unter Naturschutz. Aber die ganz großen Moore befinden sich in den USA, in Kanada, in Russland – und dort steht Umweltschutz leider oftmals nicht ganz oben. Moore sind nicht nur für das Klima wichtig, sondern auch gesund. In Salzburg gibt es zum Beispiel eine Bäckerei, die Moorbrot herstellt. Das schmeckt hervorragend und ich kann jedem nur empfehlen, es zu probieren.

Mehr über Bayerns mystische Moore und ihre Sagen lesen Sie in der Ausgabe 04/2022 von Bayerns Bestes

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Matthias Jell

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