Augen auf! Der etwas andere Christbaumschmuck

Christbaum Anhänger Inge Glas
Auch bayerische Motive können den Christbaum dekorieren. (Foto: Inge’s Christmas Decor GmbH/Studio Gick)

Seit Jahrhunderten werden Christbäume fürs Fest der Liebe herausgeputzt. Doch mit der Zeit wandelte sich ihr Schmuck: von Lebensmitteln über gläserne Kugeln bis zur bayerischen Figur. Eine Spurensuche im Historischen Weihnachtsmuseum in Neustadt bei Coburg.

Wie wäre es mit einer Weißwurstfigur am Weihnachtsbaum? Oder einer Brezn aus Glas? Einer Miniatur-Lederhose vielleicht? Die bayerischen Motive liegen im Trend – vor Jahrhunderten undenkbar. Äpfel, Nüsse und Gebäck: Das war die Dekoration des Weihnachtsbaumes bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Arme Menschen konnten sich oft selbst das nicht leisten.
Seit damals gehört die Glasspinne zum Weihnachtsbaum. Man erzählt sich: In der Nacht soll eine Spinne ihr Netz über den leeren Baum einer armen Familie gesponnen haben. Am nächsten Morgen glitzerte es hell wie Lametta und auch die armen Menschen konnten den Zauber von Weihnachten besser mitempfinden.

Christbaumkugeln seit Mitte des 19. Jahrhunderts

 

Viel Dekoration passte ohnehin nicht auf die Weihnachtsbäume von einst. “Die ersten künstlichen Weihnachtsbäume waren sehr klein”, berichtet Glasbläser Thomas Ziesmer bei einer Führung durchs Historische Weihnachtsmuseum im oberfränkischen Neustadt bei Coburg. Vor etwa 180 Jahren bestanden diese aus Holzstäben, die Nadeln aus eingefärbten Gänsefedern. Auch Selbstgebasteltes aus verschiedenen Materialien fand Platz an den kleinen Bäumen. Weihnachtliche Kugeln aus Glas glänzten ab der Mitte des 19. Jahrhunderts am Christbaum und lösten die Äpfel und Nüsse ab.

Die Heimat des gläsernen Baumschmuckes ist Lauscha in Thüringen. In einem Auftragsbuch aus dem Jahr 1848 ist die erste Weihnachtskugel dokumentiert. Ihren Siegeszug um die ganze Welt verdankt sie dem amerikanischen Unternehmen Woolworth. “Die Firma hat dafür ein paar Dutzend Weihnachtskugeln in Lauscha bestellt”, sagt Ziesmer. Die erste Glashütte soll Christoph Müller in Lauscha bereits im Jahr 1597 eröffnet haben. Dessen Nachfahren setzen die alte Handwerkskunst in der Manufaktur “Inge-Glas”, 24 Kilometer weiter, im bayerischen Neustadt bei Coburg fort.

Mit der Zeit orientierte sich die Manufaktur bei ihren Kugeln und Figuren immer mehr an den Trends und stellte nicht nur die klassischen Weihnachtskugeln in Rot, Gold und Silber her, sondern auch ungewöhnliche Motive wie die Weißwurst, das Lebkuchenherz, die Brezn oder die Mass Bier. “Das bayerische Thema ist vor allem durchs Oktoberfest beliebt”, sagt Marie Müller-Blech, Tochter der Inhaber und Assistentin der Geschäftsführung. Es werde seit Jahren ausgebaut. Für sie ist klar: “Christbaumschmuck ist ein Spiegel unserer Zeit.” Die wohl größte Veränderung durchlebte der Schmuck in den beiden Weltkriegen. Die Anhänger hatten damals auch eine politische Aussage. So zierten im Ersten Weltkrieg Kugeln in Form von Bomben und Granaten sowie Zeppeline den Baum, im Zweiten Weltkrieg sogar das Hakenkreuz.
Weihnachtsmuseum Neustadt bei Coburg
Schön beleuchtet ist das Historische Weihnachtsmuseum in Neustadt bei Coburg. (Foto: Inge’s Christmas Decor GmbH/Studio Gick)

“Verkaufsschlager ist die Gurkenfigur”

 

Mit der Teilung Deutschlands trennte sich die Entwicklung des Weihnachtsschmuckes. An der Grenze boomte der Schwarzhandel mit den farbenfrohen Kugeln. In den 1960er Jahren prägte der Künstler Andy Warhol die Mode: Pinke, grüne und blaue, künstliche Bäume, die mitunter umgekehrt an der Zimmerdecke hingen, mit Weihnachtskugeln im selben Farbton waren in den Wohnzimmern zu finden. Im Laufe der Zeit veränderte sich nicht nur die Dekoration, auch Bräuche am Weihnachtsbaum etablierten sich. So haben in vielen Familien auch besondere Schmankerl einen Platz im Nadelbaum. “Verkaufsschlager bei uns ist die Gurkenfigur”, sagt Müller-Blech. Es gibt sie in verschiedenen Größen, besser gesagt in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Die Eltern verstecken diese im Baum und der Finder bekommt beispielsweise ein Brettspiel – das sogenannte Gurken- Geschenk, welches in vielen Familien gleich nach der Bescherung zusammen ausprobiert wird.

Christbaum Schmuck Inge Glas
Das Krönchen ist das Markenzeichen der Manufaktur. Mit viel Liebe zum Detail wird der Christbaumschmuck hier kreiert. (Foto: Inge’s Christmas Decor GmbH/Studio Gick)
Jahr für Jahr entstehen neue Figuren und Kugeln – vielerorts ersetzen Maschinen das traditionelle Handwerk. So rollt Kugel um Kugel vom Band. Bis heute wird Dekoration auf diesem Weg hergestellt. Doch beim genauen Hinsehen werden Unterschiede deutlich. Die mundgeblasenen und handbemalten Figuren, wie aus der Manufaktur der Familie Müller-Blech, fühlen sich anders an. Da gibt es den kleinen Schneemann mit schwarzer Mütze, der so filigran ist, dass die Angst wächst, er könne beim Anfassen zerbrechen. Seine lange, zarte Karottennase glitzert. Ein Glasbläser sitzt dafür an einem Tisch und bläßt das gleichmäßig erhitzte Glas in die Form des Schneemanns. Danach formt er die Nase aus einem Stück Glas, zieht sie lang und setzt sie mit ruhiger Hand auf den Schneemann – eine heikle Angelegenheit und nichts für schwache Nerven.

Von Kugeln bis zur Weißwurst

 

Eine Station weiter verspiegelt eine Mitarbeiterin die Figur mit echtem Silber. Eine Malerin verleiht dem kleinen Schneemann schließlich sein Aussehen: schwarze Knopfaugen, Mund, die beiden Arme aus Ästen und drei Knöpfe aus Haselnüssen. Mit reichlich Glitzer und der sternförmigen Halterung versehen, ist er nun fein rausgeputzt fürs Weihnachtsfest. Bis heute sind Weihnachtskugeln und -figuren für viele Familien ein kostbares Gut. Sie werden gehütet und oft von Generation zu Generation weitergegeben. So hängen mancherorts gläserne Weißwürste zwischen klassischen goldenen Kugeln im Baum. Was wohl die Menschen in hundert Jahren zum Baumschmuck von heute sagen werden?

 

Mehr über die Manufaktur “Inge-Glas” erfahren Sie hier.

Weitere interessante Artikel lesen Sie im Magazin “Bayerns Bestes”, Ausgabe 01/2020. Eine andere Art von Weihnachtsschmuck ist die Berchtesgadener War.

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Matthias Jell

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