Heilpflanzen im Kloster Roggenburg: Von wegen “dagegen ist kein Kraut gewachsen”

Mit seinen zahlreichen Kräutern und Heilpflanzen ist der Klostergarten Roggenburg ein wahres Paradies für Menschen mit grünem Daumen. (Foto: Trykowski)

Schon im Mittelalter trugen Heilkundige Wissen über Kräuter zusammen. Im Kloster Roggenburg zeigt der Kräutergarten Epochen der Klostermedizin. Besucher erleben vergessene und moderne Heilpflanzen mit allen Sinnen.

Pater Roman führt gern durch die Gärten am Kloster Roggenburg. “Der Mensch wurde im Garten Eden erschaffen, inmitten bunter Vielfalt, in der er sich ohne schützende Hülle zeigen könne.” Jesus sei Gärtner des neuen Lebens. Und am Ende des Daseins stehe wieder der Garten: am Friedhof und im Paradies nach dem Tod. “Brücken zu schlagen für eine neue Schöpfungsspiritualität, das macht mir viel Freude«, sagt der Provisor des Klosters und lächelt.
Aus diesem Blickwinkel bekommen die Gartenräume, die das Kloster auf der Anhöhe in Schwaben umgeben, einen tieferen Sinn. Sie sind nicht nur Abbild einer barocken Historie, nicht nur Klassenzimmer der Umweltbildung, nicht nur Freude für Augen, Nase und Ohren. Sie laden ein zu verweilen, zu sinnieren über das Leben und seine Vielfalt.

Hainbuchenhecken umgeben den Kräutergarten. In ihm wachsen 150 Heilkräuter in 12 Beeten. Üppiger Lavendel und Thymian duften mit Holunder um die Wette. Kleine, rote Walderdbeeren verlocken zum Pflücken, Bienen summen um nektargefüllte Blüten, Amseln rufen lautstark. Am Eingang liegen sechs Beete zwischen breiten, rollstuhlgerechten Wegen. Sie führen durch die Zeitgeschichte der Klostermedizin. Vier bedeutende Geistliche, die vom frühen Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert ihr Verständnis von Pflanzen und deren Heilkräften niedergeschrieben haben, stehen Pate für die jeweilige Auswahl der Kräuter.

Walahfrid Strabo, Abt auf der Insel Reichenau, widmete im 9. Jahrhundert 444 Verse seines Lehrgedichts “Hortulus” 24 Heil-, Küchen- und Zierpflanzen. So grüßen in seinen beiden Beeten Liebstöckel, Eberraute, Kerbel, Sellerie, Rettich und Minze. Eine markante Rankhilfe für Flaschenkürbis ragt darüber hinaus. An der Ecke streckt die Schwertlilie (Iris germanica) die schlanken Blätter hoch. “Deiner Wurzel getrocknete Stückchen lösen zerrieben Wir in flüssigem Wein, und der Blase grausame Schmerzen Dämpfen nicht minder wir trefflich mit diesem künstlichen Heiltrank.” Vollmundig preist Strabo die Verwendung der Wurzel, die traditionell als Zahnungshilfe für Babys eingesetzt wurde. Unter dem Namen Veilchen-Iris zählt die samtig-erdige Essenz aus den getrockneten Wurzelstöcken noch heute zu den teuersten Rohstoffen für Luxus parfums. Ihr Aroma verfeinert Liköre, Weine und Tabak.

Barockes Vorbild

 

Der historische Aufbau der Gärten ist aus alten Stichen bekannt. Seit die Prämonstratenser- Chorherren im Jahr 1986, 180 Jahre nach der Säkularisation, das Kloster Roggenburg wieder übernahmen, renovieren, sanieren und gestalten sie neu. Pater Roman lenkt als Provisor die wirtschaftliche Verwaltung. Er ist Theologe, Sozialpädagoge und gewitzter Stratege. Schildert er fällige Arbeiten, klagt er beiläufig: “I ho grad koi Geld.” Seit 2015 fallen die Gärten wieder terrassiert nach Süden und Westen ab. Die ordentlichen Terrassengärten im Süden orientieren sich am barocken Vorbild, doch der Kräutergarten liegt nicht mehr vor der ehemaligen Küche. Stattdessen dient er als erster Anziehungspunkt neben dem Besucherparkplatz. Küche und Gasthaus holen hier ihre Kräuter. “Aber nicht alles, wir wollen die Pflanzen ja übers ganze Jahr zeigen”, versichert der Pater. Die barocke Orangerie wieder aufzubauen, sei ein Projekt für seine Nachfolger.

Körper, Geist und Seele heilen

 

Im Beet der “Hauptapostelin” der Kräuterkunde, der Heiligen Hildegard von Bingen, strebt der Dinkel gen Himmel. Schilder erläutern Ysop, Fenchel, Alant, Meerrettich, Flohsamen, Salbei, Lungenkraut und Römischen Bertram. “Die getrockneten Blütenstände der Königskerze wurden früher in Pech getränkt und als Fackel verwendet”, erklärt Garten- und Wildkräuterführerin Roswitha Miller. Tee aus den gelben Blütchen erleichtert das Abhusten. Im 12. Jahrhundert leitete die Äbtissin der Benediktinerinnen des Klosters Rupertsberg die Wirkung eines Krautes von dessen Eigenschaften und Aussehen ab. Eingebettet in Theologie und Mystik verwendete sie erstmals die Volksnamen der Kräuter und beschreibt Auswahl sowie Zubereitung genauer. Heilung sieht sie stets im Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele.

Nebenan, am Beet des Regensburger Bischofs Albertus Magnus, warnt Miller vor der Pfingstrose. Im Mittelalter wurde diese als Mittel gegen Epilepsie und Geisteskrankheiten eingesetzt. Als Rheumamittel zählen ihre Wurzeln in der Traditionellen Chinesischen Medizin zu den therapeutischen Standarddrogen. Weil sie auch Gifte enthält, ist sie in Europa aus den Apotheken verbannt. Als weitere Kräuter gedeihen hier Wermut, Topinambur, Alant, Borretsch und Katzenminze. Albertus Magnus zählte zu den größten Gelehrten seiner Zeit und schrieb sein gesammeltes Gartenwissen in sieben Bänden nieder. Darin beschrieb er neben dem Nutzgarten auch einen Zier- und Lustgarten zur Freude von Augen und Nase. Als geborener Lauinger hat der Schwabe aus dem 13. Jahrhundert hier so etwas wie Heimrecht.

Beete im Namen von Kneipp

 

Auch die nächsten beiden Beete sind einem Schwaben gewidmet: Pfarrer Sebastian Kneipp, der nach Hildegard von Bingen die ganzheitliche europäische Heilkunde prägte, wirkte Ende des 19. Jahrhunderts in Wörishofen. Bekannt durch die Wassertherapie stützt sich sein Konzept auf Wasser, Ernährung, natürliche Lebensweise, Bewegung und Kräuter. Bis zu zwei Meter hoch steht hier im Hochsommer grün blühende Engelwurz. Die violetten Rispen des Mönchspfeffers verlängern das Nahrungsangebot für Bienen bis in den Oktober hinein. Die pfeffrig schmeckenden Samen waren in Klöstern traditioneller Pfefferersatz, galten sie doch als lustdämpfend. Dies verhalf der Pflanze zu ihrem lateinischen Namen Vitex agnuscastus, übersetzt Keuschlamm – “keusches Lamm”. Daneben wachsen Anis, Rettich, Rosmarin, Salbei, Bockshornklee, Schafgarbe und Eibisch.

Auf der gegenüberliegenden Gartenseite gliedern sich Heilpflanzen nach Schul- und Volksmedizin. Hopfen, Weißdorn und Holunder überragen hier Ringelblume, Blutwurz, Odermennig und Mariendistel. Für Männerleiden nennt das Schild nur die entzündungshemmende und harntreibende Brennnessel. Gegen Frauenleiden sind dagegen von Hirtentäschel bis Frauenmantel gleich zehn Kräuter gewachsen. Bei Erkältung, Verdauungs- und Hautproblemen, für Rheuma, Nervenberuhigung und Herz-Kreislaufsystem kennt die Naturheilkunde mannigfaltige Pflanzen und Zubereitungen.

So stärkt ein Weißdornblütentee das Herz, fördert die Durchblutung, ist nebenwirkungsfrei, doch bei echten Herzproblemen ist eine Selbstmedikation möglicherweise tödlich. Heilpflanzen können Probleme lindern, unterstützen, individuell helfen. Verwechselt man Angelika (Engelwurz) jedoch mit giftigem Schierling, droht einem das Ende des Sokrates. Gut, dass heutige Apotheken ein kontrolliertes Angebot bieten. “Salbei und (Wein-)Raute macht den Becher sicher”, zitiert Gartenführerin Miller ein altes Ärztebuch. Gegen heimtückische Gifte halfen die Kräuter nicht. Ihre antimikrobiellen Stoffe machten das unsaubere Wasser etwas genießbarer.

Neben Duft, Aroma und Aussehen können Besucher die Wirkung vieler Heilpflanzen im Roggenburger Kräutergarten kennenlernen. Ganz ohne Schild versteckt sich das bevorzugte Kraut von Pater Roman. Das sogenannte Kunigundenkraut, den Wasserdost, nimmt er stets gegen eine nahende Erkältung.

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Matthias Jell

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