Skulpturen und Graffiti in Bayreuth

In der Badstraße 27 lässt der Künstler Nychos Wilhelmine selbst das Messer zur Teilung ansetzen, blickt auch ins Innere ihres Hundes Folichon.
In der Badstraße 27 lässt der Künstler Nychos Wilhelmine selbst das Messer zur Teilung ansetzen, blickt auch ins Innere ihres Hundes Folichon. (Foto: Gertraud Wittmann)
Gegenüber der Tourist-Info in Bayreuth sitzt inmitten der Schlossterrassen Markgräfin Wilhelmine von Brandenburg-Bayreuth (1709 –1758), in Bronze gegossen. Sie hat im 18. Jahrhundert das Gesicht der Stadt geprägt. Auch den Komponisten Richard Wagner hat sie 1871 in die Stadt gelockt. Wenn nun freche Zungen feixen, das müsse wohl ihr 113 Jahre altes Skelett gewesen sein, irren sie.
Tatsächlich ließ Wilhelmine das berühmte barocke Markgräfliche Opernhaus bauen. Sie wollte die Hochzeit ihrer einzigen Tochter Elisabeth Friederike Sophie mit dem Herzog von Württemberg zu einer richtigen Sause werden lassen. Der perfekte Anlass ihre Leidenschaft für Musik, Kunst, Literatur und Theater auszuleben. Die Hochzeit fand dadurch erst vier Jahre später statt – 1748.
Wagner hatte in der Brockhaus-Enzyklopädie über das Opernhaus mit der größten Bühne gelesen. Er kam nach Bayreuth und reiste wieder ab. Das Logentheater hinter der gelben Sandsteinfassade passte in seiner barocken Pracht leider nicht zu der Vorstellung, die er für seine Festspiele hatte. Bankier Feistl fuhr dem Enttäuschten hinterher, bot ihm ein Grundstück an. Das Ergebnis: Auf dem Grünen Hügel finden seit 1876 die Wagner Festspiele im schnörkellosen Festspielhaus statt.

Urban Art und Street Art

Derart unterhaltsame Sprünge durch die Jahrhunderte tief hinein ins Menschliche erleben Besucher der Stadt auf einer Stadtführung mit Dr. Beatrice Trost. Die Museumspädagogin des Bayreuther Kunstmuseums führt oft Schulklassen durch die Stadt und hat die Führung „Kunst im öffentlichen Raum“ entwickelt. Denn Bayreuth ist ein großartiges Ziel, wenn es um Urban Art und Street Art geht. Die unglaubliche Fülle an Wissen, die Trost wie nebenbei einflicht, bleibt durch ihre pointierte Erzählung tatsächlich im Gedächtnis haften.

Gegenüber der bronzenen Markgräfin, die mit ihrem Hündchen gerade über einem Buch zu sinnieren scheint, befinden sich gleich zwei moderne Kunstwerke. Strahlend gelb in der Sonne leuchtet im „Modell Lucy“ ein barocker Kronleuchter in Gießharz. Die Künstlerinnen Sabine Haubitz und Stefanie Zoche haben damit ein Fenster geschaffen, in der Achse zwischen Markgräflichen Opernhaus und Festpielhaus. Beatrice Trost trällert die Liedzeile „Lucy in the Sky with Diamonds“ von den Beatles, erzählt von einem Heiratsantrag unter dem zugehörigen Balkon und zack – die Zuhörer haben einen Ohrwurm und bleibende Erinnerungen.

„Modell Lucy“ an der Opernstraße und dem Canale Grande von Bayreuth, im Hintergrund das alte Schloss und die Schlosskirche
„Modell Lucy“ an der Opernstraße und dem Canale Grande von Bayreuth, im Hintergrund das alte Schloss und die Schlosskirche (Foto: Gertraud Wittmann)

Skulpturenmeile Bayreuth

Lucy ist ein guter Ausgangspunkt für die Bayreuther Skulpturenmeile. Zwischen Kunstmuseum und Festspielhaus findet sich neben den Bronzen heute viel moderne Kunst. 35 Objekte listet der Stadtplan auf: Skulpturen, Plastiken und Streetart-Malereien. Eins der unauffälligsten befindet sich ebenfalls hier: das Objekt „Interieur“ von Horst Antes. Die kleinen, surrealen „Schuhkartonbilder“ sind diskret im Mühlkanal platziert. Ein Gegengewicht zur Monumentalität des Nationalsozialismus, der in Bayreuth eine geschichtliche Last ist. Über diesem Kanal wurde einst das Gebäude zur Linken errichtet, ein Signal der Macht über das Wasser. Antes gilt als bedeutender Nachkriegskünstler in Deutschland und hat diesen Ort selbst ausgesucht.

Projekt „She’s back“

Die Gruppe um Beatrice Trost ist heute klein, so geht sie auf Sonderwünsche ein, legt den Schwerpunkt auf die Murals der Stadt: Graffiti. Seit den 80er-Jahren gibt es hier eine rege Szene. Immer wieder werden Flächen zum Sprayen freigegeben. Als 2018 das oben erwähnte Markgräfliche Opernhaus nach der Sanierung wieder geöffnet wurde, sollte ein Kontrast der Moderne gesetzt werden. Im Projekt „She’s back – Sie ist zurück“, gewannen Abiturienten eines P-Seminars internationale Sprayer für das Thema „Wilhelmine und ihre Tochter“.

Vorbei am Redoutenhaus, welches das neue Welterbe-Infozentrum und Museum zum Markgräflichen Opernhaus birgt, geht es hinter die Synagoge zum Parkplatz Münzgasse. Hier blickt eine moderne, hübsche Frau in die Ferne. Drew Merrit hat hier seine Freundin verewigt, ihre Schönheit soll an Tochter Elisabeth Friederike Sophie erinnern, die Casanova als damals schönste deutsche Prinzessin gerühmt hatte.

In der Badstraße sehen wir tatsächlich das Skelett von Wilhelmine. Wie in den berühmten Dissections von Homer Simpson oder Mona Lisa hat der Österreicher Nychos hier Wilhelmine ins Innerste geschaut. „Freihand“, betont Trost, die morgens seinen ersten Entwurf sah und mittags die komplett überarbeitete Version.
An die Anfänge des Graffitis in Form von Schriftzeichen erinnert das blau-weiße Mural an der Stadtbibliothek. Wie im kulturhistorisch wertvollen Briefwechsel mit ihrem Bruder Friedrich dem Großen hielt sich Markgräfin Wilhelmine auch in ihren Memoiren nicht zurück. Künstler Stohead hat eine unverblümte Tirade aus Wilhelmines Memoiren mit dem Pinsel in seine eigenen Zeichen übersetzt.
Matthias Mross aus Freising wählte das Thema Alzire’s Streithähne. Markgräfin Wilhelmine liebte Voltaires Tragödie Alzire, benannte eine Bedienstete danach. Zwei Männer im Streit um eine Frau zur Zeit der spanischen Eroberung. (Foto: Gertraud Wittmann)

Maisel & Friends-Gelände

Vorbei am Sternplatz, den Tubenmenschen vor der Stadtkirche und der gehäuteten Figur „Marsyas I“ von Alfred Hrdlicka, geht es durchs Gassenviertel zum Hotel Rheingold. Die abstrakten Metallstäbe vor dem Hotel stammten vom Berliner Künstlerpaar Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff. Das Gespinst aus Alu, das die ordentlichen Stabreihen unterbricht, fängt das Licht ein.

Es ist gelungene Überleitung zum Finale der Führung auf dem Gelände der Brauerei Maisel & Friends mit dem Liebesbier Urban Art Hotel. 2021 trafen sich hier über 50 Streetart-Künstler zum Malen und Sprayen. Von der Straße aus blicken wir direkt auf die Schuhsohlen des „Man in a Cardboard Box“. Geht man unter der bemalten Brücke zwischen zwei Gebäuden durch, sollte man sich auf jeden Fall umdrehen. Auf der anderen Seite hat die französische Künstlerin Zabou der Mann wieder aus dem Karton herauskriechen lassen. Bemalte Wände, wohin man blickt. Alice im Wunderland als Streifenfigur von Super A – Stefan Thelen, ein weinendes Pop-Art Porträt von D*Face oder ein bunt fragmentiertes Frauengesicht von Elle.

Sprayern juckt es sicher spätestens hier in den Fingern. Gut, dass rund 100 Meter weiter am Maingerinne eine lange Fläche zum Austoben freigegeben ist.

Hinweis: Die Reise wurde unterstützt von Bayreuth Marketing & Tourismus GmbH.

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Matthias Jell

Matthias Jell

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