Kleine Altstadtrunde in Nördlingen

Der rund 90 Meter hohe Glockenturm hieß ursprünglich "Wendelstein" und wurde später von Einheimischen nach einem Bibelvers "Daniel" benannt. Foto: IMAGO / agefotostock

Das mehr als 700 Jahre alte “Steinhaus zu Nördlingen” im Zentrum der Altstadt wird seit 1382 durchgehend als Rathaus genutzt – als ältestes in Deutschland. Noch heute betritt man es über eine Freitreppe aus Suevit von 1618. Oben angekommen, mahnt ein Bild der Justitia mit Richtschwert und Waage, immer beide Seiten anzuhören: “Ein Manns red – Ein Halbe red – Man soll sie Hören beed.” An ein dunkles Kapitel der Stadtgeschichte erinnert eine niedrige Holztür an der Außenseite der Treppe, die in die ehemaligen Kerkeranlagen führt: Hier waren unter anderem Menschen eingesperrt, die man der Hexerei bezichtigte. Zwischen 1589 und 1598 fielen in Nördlingen 34 Frauen und ein Mann den Hexenprozessen zum Opfer.

Am Tändelmarkt steht das Klösterle, eines der wenigen Renaissancebauten in Nördlingen. Die ehemalige Franziskanerklosterkirche wurde nach der Reformation 1585/86 zur Kornschranne umgebaut. Heute beherbergt es den Stadtsaal.

Das Gerberhandwerk in Nördlingen war so erfolgreich, dass sich ein eigenes Stadtviertel bildete: Um 1618 arbeiteten und lebten hier bis zu 152 Meister. Da die Gerber viel Wasser brauchten, bauten sie ihre Häuser giebelständig zur Eger, die durch die Altstadt fließt. Im Erdgeschoss der Gerberhäuser befand sich die Arbeitsstätte, im ersten Stock lebte die Familie und darüber waren offene Lagerböden, in denen die Tierhäute während des Gerbprozesses zum Trocknen aufgehängt wurden. Heute kann man die liebevoll renovierten Fachwerkhäuser bei einem Spaziergang bewundern und sich im Kneippbecken an der Eger erfrischen.

Fünf Tore und zwölf Türme

 

Die einzigartige, vollständig erhaltene und überdachte Stadtmauer gehört zu den Wahrzeichen der Stadt: Sie umschließt die Altstadt kreisförmig und wurde durch fünf wehrhafte Tore und zwölf Türme eingesäumt. Insgesamt ist sie rund 2,6 Kilometer lang und schützte die ehemals Freie Reichstadt, die nur dem Kaiser unterstand, vor Feinden. Erst durch die Schlacht bei Nördlingen im Jahr 1634, in der das verbündete schwedisch-protestantische Heer eine entscheidende Niederlage erlitt, verlor die Stadt an Bedeutung. Heute feiert Nördlingen alle drei Jahre ein “Historisches Stadtmauerfest” mit Handwerkern, Gauklern und Musikern sowie einem spektakulären Rahmenprogramm – das nächste Mal zwischen 9. und 11. September 2022.

Am Löpsinger Tor wäre die Stadt im 15. Jahrhundert beinahe in feindliche Hände gefallen: Einer Legende zufolge versuchte Graf Johann von Oettingen-Wallerstein 1440, die wohlhabende Reichsstadt in Besitz zu nehmen. Er bestach die Wachen des Löpsinger Tores, damit sie die Torflügel offenließen, und wollte sich mit seinen Soldaten nachts in die Stadt schleichen. Eine Frau bemerkte jedoch, wie sich ein Hausschwein am Tor rieb und sich der Torflügel dabei öffnete: “So, G’sell, so!” soll sie gerufen haben. Belegt ist diese Geschichte nicht, aber laut Gerichtsakten wurden 1440 zwei Wächter wegen Verrats hingerichtet. Bis ins 18. Jahrhundert hinein hielt man dem Schwein zu Ehren einen Gedenktag ab, der von der sogenannten Sau-Predigt begleitet wurde. Heute trifft man in Nördlingen immer wieder auf bunt bemalte Schweine-Skulpturen, die auf einer Aktion des Stadtmarketings beruhen.

Vom spätgotischen Netzgewölbe bis zur steinernen Kanzel

 

Die spätgotische Hallenkirche St. Georg mit ihrem Glockenturm ist auch außerhalb Nördlingens schon von weitem zu sehen. Der Bau der dreischiffigen Kirche wurde um 1560 abgeschlossen. Im Inneren beeindruckt die ursprünglich katholische, aber seit Einführung der Reformation protestantische Kirche unter anderem durch ihr spätgotisches Netzgewölbe, die Totenschilde von Nördlinger Bürgern und die steinerne Kanzel mit Figurenrelief.

Der rund 90 Meter hohe Glockenturm – ursprünglich “Wendelstein”, später von Einheimischen nach einem Bibelvers “Daniel” genannt – kann in 365 Stufen erklommen werden. Er besteht wie die Kirche aus Suevit. Jede Nacht zwischen 22 und 24 Uhr ruft ein Türmer “So, G’sell, so!” zur Erinnerung an die Frau, die laut Legende 1440 die Stadt gerettet hat. Ganz allein ist der Türmer aber nicht: Die “höchste Angestellte der Stadt” ist eine Katze, offiziell zur Taubenabwehr eingesetzt, die hier wohnt und zum Entsetzen der Besucher auch gerne auf der Brüstung des Turms spazieren geht.

Historischer
Rundgang

Wer die gesamte Altstadt auf eigene Faust erkunden will, erhält hier einen Plan für einen historischen Rundgang (4,8 km) mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten: Tourist Info, Marktplatz 2, Nördlingen, www.noerdlingen.de

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Christine Henze

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