Edle Tropfen von magischen Orten in Unterfranken

Die Region Würzburg hat viel zu bieten: Im Landkreis wird beispielsweise besonderer Wein angebaut. Foto: IMAGO/Westend61

Hoch oben in den unterfränkischen Weinbergen liegen 17 magische Orte. Sie alle erzählen die Geschichte des Frankenweins, der die Region an der Mainschleife seit Jahrhunderten prägt.

Selbst die Gebrüder Grimm hätten sich in ihren Märchen keine besseren Namen ausdenken können: Sommerhausen und Winterhausen. Der Main trennt die beiden unter-fränkischen Marktgemeinden nahe Würzburg. So romantisch die Vorstellung ist: Nicht Jacob und Wilhelm Grimm haben die Orte so benannt, sondern die Kirchenpatronen der beiden Dörfer. Der Sommerhäuser Patron Bartholomäus hat seinen Gedenktag am 24. August, der Winterhäuser Nikolaus am 6. Dezember. 

 

Auf den ersten Blick scheinen sie sich zu gleichen wie eineiige Zwillinge, doch bei einem Spaziergang fällt auf, Sommerhausen hat etwas, das Winterhausen fehlt: das Tor zu Kunst und Wein. Zwei Torbögen und eine vollständig erhaltene Dorfmauer umgeben den Ortskern. In die alten Fachwerkhäuser sind Galerien und Vinotheken eingezogen. Und hoch oben mitten in den Weinbergen zeugen drei Fahnen von einem besonderen Aussichtspunkt: Sommerhausen gilt als “magischer Ort des Weins”. In der Region rund um Würzburg tragen aktuell 17 Orte die Bezeichnung “terroir f – magische Orte des Frankenweins”.

Magisch wirkt allein schon der Ausblick: “Von jedem dieser Orte hat man einen einmaligen Blick über die Weinberge, das Maintal und die vielen Weindörfer”, sagt Artur Steinmann, Winzer und Präsident des Fränkischen Weinbauverbandes. Er setzt sich neben die Weinprinzessin aus Tonerde und lässt den Blick umherschweifen. “Ohne den Weinbau wäre die Landschaft nicht das, was sie heute ist. Wir Winzer müssen diese Kulturlandschaft bewahren.” Ist der Weinbau doch das Herzstück Frankens. Kaiser Karl der Große legte schon im 8. Jahrhundert den Grundstein für die Weinkultur. Im Laufe der Jahre entwickelte sich Franken zum größten zusammenhängenden Weinanbaugebiet Europas. Klimaschwankungen, der Dreißigjährige Krieg und die nur knapp einen Millimeter große Reblaus brachten das Imperium zum Schwanken. Heute werden in Franken noch auf 6200 Hektar Weinreben angepflanzt. “99 Prozent des Bayerischen Weins wachsen in Franken”, betont Steinmann.

Namensgeber der Weinorte ist das besondere Terroir Frankens. Foto: Christoph Weiß/Gebietsweinwerbung Frankenwein Frankenland

Weltweit einzigartiges Terroir

 

Nun bleiben die Frankenweine – allen voran der Silvaner mit seiner erdigen Note und angenehmen Säure – nicht nur Weinkennern im Gedächtnis. Woran liegt das? “Das Terroir spielt für den Geschmack eine wichtig Rolle”, sagt der 65-jährige Winzer. Boden, Klima, Sonneneinstrahlung und Geologie – all das hat Einfluss auf den Wein. Durch die Verschiebung der Kontinentalplatten haben sich vor Millionen Jahren die Gesteinsschichten Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper in einem Gefüge angeordnet, das einmalig ist: die fränkische Trias. Hier fühlt sich der Silvaner besonders wohl. Stimmt dann noch die Arbeit des Winzers, “stimmt am Ende auch der Wein”.

Artur Steinmann ist Winzer aus Leidenschaft. Foto: Daniela Feldmeier

Für den “terroir f”-Punkt in Sommerhausen haben sich sieben Künstler vom Winzerleben inspirieren lassen. Hier sitzt die “Weinprinzessin” als Repräsentantin des Weins auf einer Steinbank, die Stahl Skulptur “Zum Wohl” erinnert an den Wandel des Weinbaus in der Nachkriegszeit und der “Winzer 21” aus Eichenholz streckt ein Weinglas gen Himmel. Er steht für Bodenständigkeit und Innovation – Eigenschaften, die Winzer im 21. Jahrhundert brauchen.

Das Pastoriushaus. Foto: Daniela Feldmeier

Die Geschichte des alten Fachwerkhauses mitten in Sommerhausen, in dem Familie Steinmann ein Weingut und Hotel betreibt, reicht bis ins Jahr 1655 zurück. Franz Daniel Pastorius wurde hier geboren, der erste deutsche Auswanderer nach Amerika. Dort gründete er 1683 nahe Philadelphia die Stadt German-Town, deren Stadtsiegel noch heute ein Weinstock ziert. Der Franke gilt als Begründer des Deutschtums in Amerika. 

 

Steinmanns Großvater Karl erwarb das Haus 1916. Er etablierte ein Weingut, das er seinem Sohn und schließlich seinem Enkel Artur Steinmann vererbte. Seit 1982 verwalten Artur und Elfriede Steinmann mit ihren drei Kindern das Anwesen und erweiterten es um Hotel und Vinothek. Neben der Eingangstür zum Wohnhaus erinnern noch heute zwei Gedenktafeln an Pastorius.

 

Mehr unter: www.artur-steinmann.de

Das kann Artur Steinmann bestätigen. Nachdem er bereits eine Lehre zum Braumeister abgeschlossen hatte, trat er mit 27 Jahren in die Fußstapfen seines Vaters und Großvaters, sattelte auf Winzer um und führt seither in Sommerhausen das “Weingut im Pastoriushaus”. Das Handwerk blieb gleich, der Winzer muss sich jedes Mal auf einen neuen Jahrgang einstellen. Nur die Möglichkeiten, einen Wein zu veredeln, seien heute andere. “Und Frost, Dürre und starke Regenfälle machen jedem zu schaffen, der mit der Natur arbeitet.” In einer Nacht Mitte Mai sind vielen Winzern an der Mainschleife mehr als die Hälfte ihrer Rebstöcke erfroren, erzählt Steinmann bei einem Spaziergang durch die Weinberge. Er hatte Glück. Seine Wein lagen waren am nächsten Morgen fast alle in Nebel gehüllt und geschützt. Als Präsident des Fränkischen Weinbauverbandes sieht er sich gegenüber seinen Kollegen in der Pflicht. Er fuhr zu den Winzern, sprach mit ihnen über ihre Ausfälle und sucht nun gemeinsam mit ihnen und der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau nach Lösungen. Während er entlang der Rebstöcke Richtung Dorf geht, zupft er hier und da Blätter ab. Was Steinmann nur so nebenbei macht, erledigt sein Sohn Lukas gerade im großen Stil in einer anderen Weinlage. In den Sommerhäuser Lagen und in den Weingärten von Frickenhausen baut Steinmann auf 20 Hektar Silvaner- und Riesling-Trauben an, Müller-Thurgau und verschiedene Rotweine.

Der historische Weinkeller im Weingut "Die Schwane". Foto. Daniela Feldmeier

40 Ernten im Leben eines Winzers


Die Trauben, die im Mai einen Durchmesser von wenigen Millimetern haben, brauchen genügend Licht, um zu wachsen. “Ein Winzer ist fast jeden Tag im Weinberg und pflegt seine Rebstöcke”, sagt Steinmann. Im September werden die Trauben geerntet, zu Traubensaft geklärt und zum Teil mit Hefe versetzt. Zwei bis vier Wochen dauert die Gärung, anschließend muss der Wein reifen. “Edelstahltank, Holzfass, Beton-Ei oder Barrique – jeder Winzer setzt je nach Weinstil die entsprechenden Lagergebinde ein.” Die Steinmannsche Taktik erkennt man in den Kellern des Weinguts. In einem hohen Raum stehen Edelstahltanks, im Gewölbekeller wechseln sich Holz- und Barrique-Fässer ab. Hat ein Winzer auch einen Lieblingswein?

“Ja, habe ich – und zwar einen Weißburgunder aus dem Jahr 2005, der 18 Monate lang im Barrique-Fass gereift ist. Aromatik und Geruch machen für mich einen guten Wein aus. Wenn ich ihn trinke, muss ich eine Fülle und Dichte im Gaumen spüren. Wenn ich mich dann noch Jahre später an genau diesen Wein erinnere, war das ein guter Wein aus einem guten Jahrgang”, sagt der Winzer. “Es heißt, ein Winzer hat 40 Mal im Leben die Chance, einen Jahrgang zu ernten. Jeder Jahrgang ist anders und das i-Tüpfelchen macht immer der Winzer aus.”

Ein Silvaner aus dem Beton-Ei 

 

In manchen Situationen sind allerdings auch die Winzer machtlos. Wie im Jahr 1314. “Dürrer Sommer, kein Tropfen Regen, 13 Wochen lang. Kein Wein, alles ausgebrannt”, ist auf den Stufen des »terroir f«- Punkts “Escherndorfer Lump” zu lesen. Hier dreht sich alles ums Klima, denn die Weinlage an der Volkacher Mainschleife gilt als die heißeste Frankens. Unterhalb der Rebreihen schmiegt sich der Volkacher Ortsteil Escherndorf an die Weinberge.


Zur einen Seite der Main, zur anderen die Weinlagen – dazwischen verläuft die Bocksbeutelstraße. In dem Dreiseithof mit der Hausnummer 15 reifen die Sauer-Weine heran. Seit 1979 führt Familie Sauer ihr Weingut. Nachdem Juniorchef Daniel Sauer 2011 zum Jungwinzer des Jahres gekürt wurde, reiht sich Auszeichnung an Auszeichnung. Daniel Sauer ließ als Erster in Deutschland einen Wein im Beton-Ei reifen. Anders als Stahltanks hat das Betongefäß keine Schweißnähte. “Der Wein kann ungehindert kreisen. Außerdem hat das Ei ein ideales Längen- und Breitenverhältnis. Wenn Kohlenstoffdioxid bei der Gärung aufsteigt, kommt der Wein durch die sich nach oben hin verjüngende Form ins Fließen”, sagt der Winzer. 2008 ließ er einen Teil der Silvaner Spätlese im Beton-Ei vergären, den anderen Teil im Edelstahltank. Das Ergebnis war “ein mineralischer, filigranerer Wein” aus dem Ei. Die Winzerfamilie war begeistert und kaufte ein weiteres Beton-Ei.

Daniel Sauer ließ als Erster in Deutschland einen Wein im Beton-Ei reifen. Foto: Weingut Rainer Sauer

Neben dem Terroir und der Arbeit des Winzers sind auch die Rebsorten ausschlaggebend für den Weingeschmack. Nicht weit von Sommerhausen entfernt zeigt der “terroir f”-Punkt in der Weinlage “Eibelstadter Kapellenberg” ein Rebenspiel. Neben dem Aushängeschild Silvaner werden in Franken auch Weißer Burgunder, Roter Traminer, Bacchus und weitere Rebsorten angebaut. Schautafeln und Weinstöcke hoch oben über Eibelstadt zeigen, welche Geschichte die Rebsorten haben und wie man sie voneinander unterscheidet. 14 weitere magische Weinorte gibt es entlang des Mains. Touristen wie Einheimische kommen hierher, um mehr über die Heimat des Silvaners zu erfahren. Hier in den fränkischen Weinlagen scheint es, als würden sich Gespräche zwischen der Landschaft und dem Besucher entwickeln. Gespräche über den Frankenwein, der eine ganze Region über Jahrhunderte geprägt hat. Auch das ist magisch.

 

Eine Liste mit allen magischen Orten des Frankenweins gibt es unter www.franken-weinland.de

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Christine Henze

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