Adel mal anders: Zu Gast beim Baron von Sünching

Dass Adel gewissermaßen verpflichtet, weiß auch Johann Carl Freiherr von Hoenning O’Carroll. Denn das Schloss in Sünching ist seine Bestimmung. (Foto: Marina Jung)

Wer ein Schloss besucht, erwartet Gold, Prunk, Größe und Erhabenheit. Das alles gibt es auf Schloss Sünching – aber auch Möbel vom Sperrmüll und Diamant-Graffiti. Ein Rundgang mit Johann Carl Freiherr von Hoenning O’Carroll durch sein Schloss im Süden der Oberpfalz.

Draußen liegt Schnee. Es hat zwei Grad Celsius. Drinnen ist es unwesentlich wärmer. Johann Carl Freiherr von Hoenning O’Carroll – kurz der Baron – ist 79 Jahre alt. Er trägt einen löchrigen Filzhut auf dem Kopf und einen verschlissenen, olivgrünen Columbo-Trenchcoat. Eine orange-weiße Hornbrille ziert seine Nase. Er schlurft durch die Bibliothek im zweiten Stock seines achteckigen Schlosses. Die unbehandelten Holzdielen des Fußbodens knarzen bei jedem Schritt unter seinen schwarzen Slippern. Tausende von Büchern verströmen den Duft von altem Papier, Staub und Wissen.

Eine Schatzkammer aus Raritäten und Geschichte

 

Der Raum ist eine Schatzkammer. “Lauter Raritäten, alles Geschichte”, sagt der Baron. Goldene und braune Buchrücken kuscheln sich in fast deckenhohen Regalen aneinander. Karten und Papierrollen liegen auf einem großen Tisch. Eine seltene Holzbuch- und eine Pilzsammlung sind ebenso im Schrank eingesperrt wie unzählige Schwerter und Gewehre. Ein geblümter Ohrensessel lädt trotz der Kälte zum gemütlichen Lesen ein. Einzig ein rot-weiß gestreifter Segelflieger aus Holz passt nicht in die Szene. Der Baron erinnert sich nicht: Gehörte er seiner kleinen Tochter? Oder doch den beiden Enkelinnen? Die “kleine Tochter” heißt Antoinette. Sie ist eine Gräfin von Schaesberg und 51 Jahre alt. Die Enkelinnen, die Comtessen Marie-Dorothee und Sophie, sind 20 und 21.

Quietschend öffnet der Adlige die Vitrine mit den Büßerketten. Er nimmt ein schwarzes Holzkreuz heraus. Es ist ein Pilgerkreuz, keine 30 Zentimeter lang. Seine Vorfahren trugen es bei sich, als sie über die Alpen nach Rom pilgerten. “Da hast dich verteidigen können”, sagt er und stößt jäh mit einer scharfen, blitzenden Klinge aus dem Inneren des Kreuzes zu. Der Mann hat Humor – trocken wie die Holzdielen unter seinen Slippern.

Ein Schloss mit etwa 75 Zimmern

 

Wie viele Zimmer das Schloss hat, weiß der Baron nicht. Er schätzt 75. Nicht alle sind bewohnt. Das Schloss sei eine Lebensaufgabe. “Als kleiner Bub hat die Großmutter zu mir gesagt: ‘Das musst du machen! Das musst du übernehmen!’ Das steckt dir in den Knochen. Froh über das Schloss ist was anderes.” Eines Tages wird er diese Lebensaufgabe an seine Tochter weitergeben. Als der Baron noch klein war, lebte er mit der ganze Familie hier – 14 Geschwister plus Erwachsene. Fotos zeugen davon, dass das Schloss einst mindestens elf Angestellte beherbergte. Heute bewohnt der Baron die Mauern alleine mit seiner Tochter und einem Jack Russell Terrier.

Ab und an schauen die Comtessen vorbei. Seine Ehefrau Kathalin Freifrau von Hoenning O’Carroll hat ihn nach schwerer Krankheit letztes Jahr an Fronleichnam nach 51 Ehejahren endgültig verlassen. “Natürlich fehlt sie”, sagt er. Er nennt sie noch immer “meine Chefin”. Vieles erinnert an sie: ihr Porträt in der Schlosskapelle, die Stiche im gelben Billardzimmer, die sie ihrem Mann aus Budapest mitgebracht hat, die gescheckten Porzellanmöpse im Gang des Wohntrakts, das Foto einer Papstaudienz, die zwei weißen Papagei-Skulpturen im zwölf Meter hohen Festsaal.

Skulpturen für 14,99 Euro

 

“Aus welchem Jahrhundert stammen die?”, fragt der Baron und deutet auf die beiden Papageien, die auf einem Konsoltischchen im Festsaal stehen. Sie glänzen anders als die edle Porzellanpferdekutsche auf dem abgedeckten Flügel vis-àvis. Das Weiß ist dunkler, am Fuß hat die Glasur kleine Bläschen geworfen. “Und jetzt bitte umdrehen und nachschauen”, sagt er. “14,99. Gekauft bei Depot”. Ein Gag, mit dem der Baron Klugscheißer bei Führungen aufs Glatteis führt.

Diese beiden Skulpturen hat der Baron für gerade mal 14,99 Euro erworben. (Foto: Marina Jung)

Der Baron und “seine Chefin” haben das Schloss immer gepflegt und 2013 sogar die Bayerische Denkmalschutzmedaille bekommen. Die Fenster des Fürstbischöflichen Appartements – die Prunkräume – sind mit weißen Tüchern abgehängt. Die Sonne würde die chinesischen Papiertapeten, die Gemälde und den Stuck zerstören. Orientalische Teppiche im Wert von mehreren tausend Euro schützen das braune Parkett vor den Schuhen der Besucher. In diesem Schloss passen nicht einmal Standard-Glühbirnen. Es müssen die originalen sein.

1910 wurde das Schloss elektrifiziert. Als bei einem Wasserschaden im Roten Salon der Kronleuchter von der Decke krachte, musste der Baron bis nach Wien telefonieren. “Wir haben noch Reserveteile”, war die erfreuliche Auskunft der Glasmanufaktur.

Jeder ist im Schloss willkommen

 

Den Filzhut auf dem Kopf und braune Lederhandschuhe an den Händen, knipst der Baron im Roten Salon das Licht an. Mindestens 24 Glühbirnen bringen den riesigen Lüster zum Strahlen. Handflächengroße Glastropfen. Neben den Porträts seiner Ahnen in den vergoldeten Rokokobilderrahmen – von Seinsheim, von Schönborn, von und zu Frankenstein –, der roten Blumentapete, dem Marmorkamin und dem Originalmobiliar wirkt der Baron völlig fehl am Platz. Wer ihn so auf der Straße trifft, würde ihn nicht in einem Schloss vermuten. Dabei ist er stets höflich und grüßt mit einem Lächeln. Während des Sünchinger Marktes trinkt er seine Mass am Tisch bei den Dorfleuten. “Jeder darf kommen”, sagt er. Jeder ist willkommen, wenn der Pfarrer einmal im Monat die Heilige Messe in der Schlosskapelle zelebriert. Auch spontane Führungen sind kein Problem. Außerdem gab er dem Burschenverein eine Heimat in der alten Schlossbrauerei.

Ein Blick in die Schlosskapelle. (Foto: Marina Jung)
Für Hochzeitsfotos oder als Filmset vermietet er Schloss und Garten. Pete Doherty war da, Klaus Maria Brandauer, Prinzessin Gisela von Bayern. “Da wennst hinterkletterst, da haben die Leute mit ihren Diamantringen Gästebuch gemacht”, sagt der Baron. Er deutet auf ein weißes, doppelflügliges Fenster. Es versteckt sich hinter einem schwarzen Flügel, auf dem unzählige Weihnachtskarten stehen – die Familie. Seit über 200 Jahren verewigen sich Adlige mit Sprüchen an den Scheiben des Fensters. Die feinen, weißen Linien sind schwer zu entziffern. Sie heben sich kaum von der Schneekulisse draußen ab.

Ein echtes Schmuckstück vom Sperrmüll

 

Daneben steht ein deckenhoher Weihnachtsbaum mit roten und silbernen Kugeln, allerlei Plunder und silbernem Lametta. Hier hat der Baron mit seiner Tochter, der Schwägerin und deren Familie das letzte Weihnachtsfest verbracht. Auf dem langen Tisch mit rotgoldener Tischdecke liegt zwischen drei antiken Schirmlampen noch der Rest der Geschenke: Bücher, Konfekt, eine Weingeschenketüte.

“Eines muss ich noch zeigen. Mein schönstes Diebesgut”, sagt der Baron. Die Tür knarzt, als er den Knauf dreht und den Blick auf sein Wohnzimmer freigibt. Hier ist es warm, die Heizung läuft. Süßer Zigarilloduft liegt in der Luft. Auf dem hellblauen Teppich zwischen der geblümten Couch, einem massiven Holztisch und zwei Sesseln steht es: ein sechseckiges Beistelltischchen aus Holz, mit sechseckigem Standfuß und orientalischen Einlegearbeiten – sein Schammerl (Anm. d. Red.: Schemel, kleiner Beistelltisch). “Das hab’ ich mir auf dem Sperrmüll gestohlen. Es war ein Zufallsfund. Ich bin vorbeigangen und es stand da”, sagt der Baron. Er grinst. Zwei leere Zigarilloschachteln, zwei Feuerzeuge und ein leerer Becher Nüsse liegen auf dem Schammerl. Hier ist sein Lieblingsplatz. Hier verbringt Johann Carl Freiherr von Hoenning O’Carroll den Feierabend.

Dieser Beitrag stammt aus dem Archiv. Hier können Sie unsere aktuelle Ausgabe 01/2022 von Bayerns Bestes bestellen.

Google Maps

Mit dem Laden der Karte akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von Google.
Mehr erfahren

Karte laden

Finden Sie uns auf :

Matthias Jell

Matthias Jell

Anzeige

Auch interessant

Scroll to Top