Bergsteigerin Ana Zirner überquert die Alpen in 60 Tagen

Aufstieg Ortler
Aufstieg zum Gipfel des Ortlers. Foto: Ana Zirner

Der Berg ist ein Sehnsuchtsort. Weit weg vom Alltag, findet man auf den Höhen zu sich. Oft gibt es keine Mobilfunkverbindung, und wie schnell oder ob man überhaupt sein Ziel erreicht, bestimmen der Berg und das Wetter. Doch was bringt Menschen überhaupt dazu, auf Berge zu steigen, freiwillig Strapazen und Gefahren auf sich zu nehmen?

„Die Berge sind aufrichtig“, sagt Ana Zirner. Sie weiß genau, wovon sie spricht. Die 35-Jährige hat im August und September 2017 die Alpen überquert. Nicht auf dem üblichen Weg von Nord nach Süd. Nein, sie wählte eine eigene Route von Ost nach West, von Slowenien über Österreich, Italien und die Schweiz bis nach Frankreich. Knapp 2000 Kilometer legte sie dabei zurück. Sie schlief meist unter freiem Himmel, war der Witterung ebenso ausgesetzt wie brüchigem Gestein, Durst und Erschöpfung. Die Berge machen dir nichts vor, meint Ana Zirner: „Wenn der Berg dich nicht haben will, wirft er dich ab, schmeißt Steine nach dir.“ Was sich bedrohlich anhört, ist ein Ort absoluter Freiheit. Und wer frei ist, findet zu sich.

Am Anfang war die Krise Als sich Ana Zirner auf den Weg über die Alpen machte, hatte sie sich gerade entschieden, eine berufliche Pause einzulegen. „Meinen Theaterkonflikt“ nennt sie die Zeit vor der großen Bergtour. Die freie Film- und Theaterregisseurin hat mit einigen Projekten in München Erfolge gefeiert. Mit ihren Bühnenstücken wollte sie aufklären: über Missstände in der Welt, soziale Ungerechtigkeit oder darüber, welche Auswirkungen Social Media auf uns hat. Doch die Arbeitsbelastung war enorm, stand in keinem Verhältnis zum Gehalt. „Ich habe die meiste Zeit unter dem Existenzminimum gelebt“, erinnert sie sich. Sie kommt an einen Punkt, an dem es nicht weiterzugehen scheint. Und fasst einen Entschluss: Sie muss raus aus der Stadt, um Klarheit zu finden.

Die Berge sind Ana Zirner seit ihrer Kindheit im oberbayerischen Chiemgau vertraut. Mit ihren drei Geschwistern erforschte sie die umliegenden Wälder. Schon früh lernten die Kinder auf der Kampenwand, ihrem „Hausberg“, das Skifahren. Draußen zu sein, danach eine Kartoffelsuppe mit Würstchen – die Welt war in Ordnung. Als ihr Leben 2017 nach Klarheit verlangt, zieht es Ana Zirner erneut in die Alpen. Sie sucht nun die körperliche Herausforderung, aber vor allem will sie in sich gehen, über Fragen nachdenken, die im Alltag untergehen. Dafür plant sie zwei Monate ein, in denen sie alleine unterwegs ist. Die neun Etappen, die sie sich aussucht, liegen meist jenseits der klassischen Routen: „Ich mache einfach gern mein eigenes Ding.“

Es reizt sie, etwas ganz Neues auszuprobieren. Ein halbes Jahr lang bereitet Ana Zirner ihre Tour vor: plant Route und Ausrüstung, trainiert die kleine Fußmuskulatur, um sie auf die bevorstehende Belastung vorzubereiten, und macht Yoga. 

 

Langsam ein Teil der Natur 

 

In ihrem Buch „Alpensolo: Allein zu Fuß von Ost nach West“ beschreibt Ana Zirner Höhepunkte, aber auch Tiefschläge ihrer Tour. Ein Buch über die Tour zu schreiben, war ursprünglich gar nicht geplant. Stattdessen schrieb Ana Zirner von unterwegs einen Blog, um Familie und Freunde auf dem Laufenden zu halten. Dass ihr das Schreiben so viel Freude bereitete, war für sie eine Entdeckung: „Es ist mir irgendwie zugefallen“, sagt sie heute. Der Blog wurde von einer Literaturagentur entdeckt, 2018 kam „Alpensolo“ heraus.

Es ist kein triumphaler Bericht einer alpinen Extremtour, sondern ein persönliches Zeugnis intensiver Erlebnisse. Einmal, noch am Anfang, vergisst sie, genügend Wasser auf ihre Tagesetappe mitzunehmen. Die erfahrene Bergsteigerin ärgert sich über sich selbst. Die sommerliche Hitze macht ihr zu schaffen, doch sie hat noch eine andere Sorge: dass sie jemand so erschöpft sehen könnte: „Es ist mir peinlich und ich habe Angst vor einem abwertenden Urteil über mich.“ Dann schreibt sie: „Auf diese Erkenntnis folgt gleich darauf die Frage, warum mir die Meinung von jemandem, den ich nicht einmal kenne, so wichtig ist.“

Tessin
Eins werden mit der Natur: unterwegs im Tessin. Foto: Andreas Huber
Je länger Ana Zirner unterwegs ist, umso mehr fühlt sie sich als Teil der sie umgebenden Natur. Auf ihrem Weg durch den Nationalpark Stilfser Joch, einem Gebirgspass in den Ortler-Alpen, verliert die genaue Zeitmessung an Bedeutung. „Das, was auf einer Uhr angezeigt wird und sonst meinen Alltag taktet, existiert nicht mehr.“ Stattdessen lässt sich die ehrgeizige Bergsteigerin, die mit der Tour auch eine physische Herausforderung gesucht hat, plötzlich ganz auf die Schönheit der Umgebung ein. „Mein Herz klopft nun meinen eigenen Rhythmus, nicht länger den der verrinnenden Zeit. Dieser Rhythmus ist mit allem verbunden, was mich umgibt.“

Ein Schlüsselerlebnis wird die Begegnung mit den Gletschern in der Ortler- Region: Als „rohe Gewalt“ nimmt sie die Eismassen wahr, als etwas Beängstigendes. Doch deren enormes Ausmaß kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch sie gefährdet sind: „Wenn man sich auf ihnen bewegt, merkt man, wie dynamisch und gurgelnd und auch fragil das ist. Überall an den Rändern schmilzt das Eis“, beobachtet die Bergsteigerin die Auswirkungen des Klimawandels. „Der Gletscher zeigt seine Verletzlichkeit an den hellblauen Rändern seiner Spalten, die sich wie tiefe Sorgenfalten in das makellose Gesicht der glatten Oberfläche graben.“ Zugleich ist sie tief bewegt davon, diesen eisigen Riesen so nahe zu kommen: „In ihrer mahnenden Stille zeigt mir diese Landschaft mein Format – weist mir einen Platz zu, den ich mir selbst nicht besser hätte wählen können.“ Die Landschaft erlaubt ihr, wie sie schreibt, „innerlich loszulassen.“ Hier findet Ana Zirner auch eine Metapher zu sich selbst: als starke Frau, die im Alleingang die Alpen überquert, aber auch als sensibler Mensch, der verletzlich ist. „Auch wenn es mir schwerfällt, die Fragilität zu zeigen und damit offen umzugehen“, gibt sie zu.

Am Madritschjoch öffnet sich schließlich ein majestätischer Ausblick auf den Ortler mit seinem 3 905 Meter hohem Gipfel, auf den Monte Zebrù und auf die Königsspitze – ein Höhepunkt der Tour. Unter ihr bietet sich jedoch ein abschreckendes Bild: „Die graubraune Gerölllandschaft wird von Liften für den Wintersport vergewaltigt.“ Immer wieder fällt ihr während der Tour auf, dass die Konsumgesellschaft auch in den abgelegenen Gebieten ihre zerstörerischen Spuren hinterlässt. Häufig sieht sie den Müll, den andere Bergwanderer hinterlassen haben: Plastikflaschen, Dosen, Alufolie, in der die Brotzeit eingepackt war, Müsliriegel- Verpackungen, unzählige Kippen und Taschentücher: „Es wäre so leicht, das alles zu vermeiden, und es macht mich ganz fuchsig, dass das noch immer nicht jeder Mensch, der in der Natur unterwegs ist und somit ein Interesse an ihr hat, beachtet.“

Weitergehen

 

Die Heimkehr wird schwierig. Nach Wochen in der freien Natur merkte sie plötzlich, wie sich ihre Sinneswahrnehmungen erweiterten: „Meine Fähigkeiten zu riechen, zu schmecken und zu fühlen sind spürbar gewachsen“. Umso extremer die Rückkehr in die Zivilisation. Exemplarisch schildert sie den Besuch eines französischen Supermarkts: „Die vielen Geräusche, die Musik und die Menschen überfordern mich, und die überflüssig große Auswahl an unendlich vielen Dingen erschreckt mich so sehr, als hätte ich das noch nie gesehen.“ Für ihren Einkauf braucht sie „ewig“, die Eindrücke sind so stark, dass sie vor dem Supermarkt zu weinen beginnt „wie ein verlorenes kleines Mädchen“. Wieder in München, wird sie wochenlang von Kopfschmerzen heimgesucht.

Das Thema Umweltschutz lässt Ana Zirner auch nach ihrer Heimkehr nicht los. In „Alpensolo“ gibt sie Tipps fürs richtige Verhalten am Berg, appelliert auch an andere Outdoorsportler, sich zum Beispiel über die Chemikalien zu informieren, die mit der Funktionskleidung in die Natur gespült werden. Als wir uns im November 2018 in Landshut treffen, plant sie gerade, für ihre künftigen Exkursionen kompostierbare Verpackungen zu verwenden – ein Experiment, um das Müllaufkommen in den Bergen zu verringern. Zusammen mit dem irischen Expeditionskoch Kieran Creevy bereitet sie später in ihrem Elternhaus im Chiemgau einige Gerichte zu, die nach dem Dörren mit auf die Kampenwand genommen werden sollen. Creevy ist Spezialist für gehobene Outdoor-Küche: Es gibt thailändische Gemüsesuppe, Polenta mit Käse und Daal, ein indisches Linsengericht, indisches Hühnchen und Avocado-Schoko-Mousse.

Durch Kooperationen mit Ausrüstungsfirmen ist sie zum Werbeträger geworden – von der Influencerkultur hält sie dennoch nicht viel: „Das ist eine rein äußerliche Aufwertung, das hat nichts damit zu tun, wer man ist oder was man kann“, sagt sie. Wenn sie Unterstützungin Form von Funktionskleidung annimmt, ist ihr Nachhaltigkeit wichtig, angefangen bei den Rohstoffen über die Herstellung des Produkts bis hin zum Verkauf an den Verbraucher: „Ich muss einfach dahinter stehen können.

Die „Königsetappe“: schönste, aber auch längste Tagestour in den Karnischen Alpen. Foto: Ana Zirner
Auch neue Reisen sind geplant. Nach wie vor will sie die Welt zu einem besseren Ort machen. Ihr nächstes Projekt führt Ana Zirner in die USA, wo sie dem Colorado River vom Ursprung bis zum Meer folgen wird. Trotz CO2-Kompensationszahlung macht Ana Zirner die klimaschädliche Flugreise zu schaffen. Vor Ort will sie entlang des Flusses die Geschichten von Menschen dokumentieren, deren Umwelt und Leben vom Colorado River und den ihn betreffenden Entscheidungen, Konflikten und Entwicklungen beeinflusst wird. Wie sehr hat die Alpenüberquerung sie also verändert? „Es ist nicht wahr, dass man nach so einer Tour als neuer Mensch zurückkehrt“, meint Ana Zirner. „Ich bin immer noch, wer ich bin.“ Doch da ist plötzlich viel mehr Klarheit. „Und eines weiß ich mit großer Sicherheit: Ich werde weitergehen.“

Mehr über Ana Zirner lesen Sie in der Ausgabe 02/2019

Alpensolo – Allein zu Fuß von Ost nach West
Von Ana Zirner

 

Berge bedeuten für Ana Zirner Freiheit. Doch der engagierten Regisseurin bleibt zu selten Zeit für ihre Passion. Deshalb beschließt sie, allen Ballast abzustreifen und allein von Ost nach West die Alpen zu überqueren. Nur mit einem 35-Liter-Rucksack bepackt.

 

Malik; 4. Edition (2. Oktober 2018); 20 Euro

 

Weitere Informationen: www.piper.de

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Christine Henze

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