Wie Pessach in Bayern gefeiert wird

Charlotte Knobloch ist seit 1985 Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. (Foto: Zuma Wire/Imago)

Während der Oster-Kommerz jedes Jahr in Supermarktregalen aufersteht, ist vom jüdischen Hochfest Pessach, in diesem Frühjahr vom 15. bis 23. April, kaum etwas zu sehen. Was und wie wird in Bayern gefeiert?

Pessach erinnert Juden an das Ende der Sklaverei in Ägypten. Da sie nach dem 2. Buch Mose Hals über Kopf das Land des Pharao verließen, blieb keine Zeit das Brot zu säuern. Deshalb wird Pessach auch als “Fest der ungesäuerten Brote” bezeichnet. Bis das siebentägige – in der Diaspora achttägige – Pessach beginnt, muss alles Gesäuerte (Chamez) bis zur letzten Krume aus dem Haus. Anna Zisler, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Straubing, vergleicht das Prozedere mit einem Frühjahrsputz. “Es ist auf jeden Fall sehr nützlich.” Verdorbenes und Mehlmotten ade!

Das Fest beginnt mit dem Sederabend. Neben dem ungesäuerten Brot, der Matze, gibt es weitere symbolische Speisen: “Bitterkraut, das an die Bitterkeit der Sklaverei erinnert oder Charoset, ein süßes Mus aus Nüssen und Äpfeln, das für den Mörtel der Sklaverei steht”, sagt Charlotte Knobloch, Präsidentin der Kultusgemeinde München und Oberbayern. Oft steht noch eine Schale mit Salzwasser für die vergossenen Tränen auf dem Tisch.
Typisch seien Rettich, Petersilie, Apfelsalat, gefüllter Fisch, Ei als Freitagsopfer und koscherer Wein, sagt Julia Tschekalina von der Gemeinde Fürth. Serviert wird das Essen auf dem Sederteller. „Auf dem Geschirr darf zuvor kein Sauerteig gelegen haben“, sagt Tschekalina.
Es wird bis tief in die Nacht aus der Haggada gesungen und erzählt. Für die Kinder wird ein Teil der ersten Matze versteckt. »Wer diesen sogenannten Afikoman als erster findet, bekommt ein Geschenk«, sagt Knobloch. »Das jüngste Kind hat außerdem noch eine besondere Aufgabe: Es stellt die rituellen “vier Fragen”, mit denen die Erzählung des Auszugs aus Ägypten beginnt. Da ich ein Einzelkind war, war ich dafür zuständig, und ich weiß heute noch genau, wie nervös ich damals war«, erzählt Knobloch. Sie freut sich auf Pessach mit der Familie: “Meine Kinder und Enkel leben weit verstreut, aber zu diesem Fest sieht man sich trotzdem jedes Jahr.”

Jüdisch-Bayerischer Austausch

 

Für ältere oder alleinstehende Mitglieder sei es wichtig, in der Gemeinde zu feiern, sagt Anna Zisler. Zoom sei kein Ersatz. Außerdem anders seit der Pandemie: “Die Gemeinde ist während der Krise zu einer Art Supermarkt geworden”, sagt Zisler . Die Mitglieder bestellen ihre Matzen in der Straubinger Gemeinde, die das ungesäuerte Brot wiederum von einem Großhändler aus München bekommt. Das muss für die restlichen Tage des Pessach-Fests reichen, an denen ausschließlich Ungesäuertes gegessen wird.

Zisler ist in Niederbayern aufgewachsen. Die Traditionsverbundenheit der Menschen dort spiegelt sich für sie auch in ihrer orthodoxen Gemeinde wider. Manchmal verbinden sich für sie Bräuche: “Am Gründonnerstag esse ich zum Beispiel kein Fleisch”, sagt Zisler. Sie hat wiederum nicht-jüdische Freunde, die Matze-Brot lieben.
Die kulturelle Annäherung ist größer, als die Schemot-Erzählung vermuten lässt. Doch mit bitterem Beigeschmack. Da ist die Shoah. Da sind die Angriffe auf jüdische Synagogen. Die Judenverfolgung seit dem Mittelalter. “Es gab immer wieder Ausschreitungen um Pessach herum, die Ritualmordlegende, Juden würden christliche Kinder opfern”, sagt Daniel Mahla, Historiker am Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Gründe, weshalb jüdische Kultur bis heute eher im Verborgenen gelebt wird. Auch auf Kommerz wird beim Pessach-Fest verzichtet. Man denke dagegen an die vielen Glitzer-Schokohasen, weit gereisten Narzissen oder bunten Eier, die schon Monate vorher ans Osterfest erinnern.

Jüdische Küche im Alltag

 

Ruth Zeifert von der liberalen Gemeinde Beth Shalom in München wünscht sich mehr Alltäglichkeit: “Einen jüdischen Imbiss dort, einen jüdischen Modemacher hier, einen beiläufigen Vermerk auf der Speisekarte, dass dies oder jenes koscher ist. Es geht darum, in der pluralen Gesellschaft das Neben- und Miteinander zu integrieren und damit eine Selbstverständlichkeit zu leben.” Eines der Beispiele für authentische, jüdische Küche in Bayern ist etwa das koschere Restaurant Einstein in München. Seit 15 Jahren bietet es passende Gerichte zum Pessach-Fest an, sagt Betriebsleiter Sven Tweer: “Jeder, der probieren will, wie das schmeckt, kann bei uns vorbeikommen.” Auf der Karte für das Seder-Menü stehen etwa Hühnerbrühe mit Kneidlach, also Matzeknödel, Kalbsbraten mit Thymian-Sauce, Kartoffelkigl – eine Art Auflauf – mit Wurzelgemüse, dazu Zimes, das sind geschnittene, süß abgeschmeckte Möhren, Bananenkuchen mit Schokoladen-Kaffeecreme und vieles mehr. Hauptsache: nicht sauer, sondern bitter-süß!

Ab 21. April können Sie die aktuelle Ausgabe 02/2022 von Bayerns Bestes bestellen.

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Matthias Jell

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