Rock me, Schikaneder!

Schikaneder Straubing
Foto: www.janazellmerfotografie.de

Ein Star des 18. Jahrhunderts, der auf und neben der Bühne berühmt-berüchtigt war: Der gebürtige Niederbayer Emanuel Schikaneder wird durch den Künstler Franz Aichinger in die Gegenwart geholt.

Auf dem Bett liegt eine weiße Perücke, das gelockte Haar ist zu einem Zopf gebunden. Die Perücke ist wesentlicher Teil einer Verwandlung. Franz Aichinger hat sich Hemd, Weste und Jackett bereits angezogen, ein Spitzen-Jabot schmückt den Hals. Nun kommt noch das Haarteil. Aus dem modernen Straubinger wird ein barocker: Emanuel Schikaneder. Der Schauspieler, Regisseur, Dichter und Sänger ist vor allem als Autor des Librettos der Mozart-Oper “Die Zauberflöte” weltberühmt. Franz Aichinger seufzt. Die Schnalle auf dem Schuh will einfach nicht halten. Dabei muss alles perfekt sein. Denn Emanuel Schikaneder hat heute einen Fototermin.

Die erste Station ist das Herzogschloss Straubing. Aichinger steht aufrecht im Innenhof mit einem Stock in der Hand. Fast sieht es aus, als würde er Ballett tanzen wollen – die Fersen berühren sich, ein Fuß zeigt nach vorn. Im “normalen” Leben ist auch Aichinger ein Multitalent: Als Frontsänger der Partyband “Die Donnervögel” tritt er deutschlandweit in Bierzelten und auf Festen auf. Bei bayerischen Mundartstücken führte er Regie, und auch als Schauspieler war er mehrfach zu sehen. Doch der Schikaneder nimmt bei den Rollen, die Aichinger schon spielte, eine besondere Stellung ein: “Er wird möglicherweise die Rolle meines Lebens”, sagt Franz Aichinger. Er erkennt sich in Schikaneders Interessen und Talenten – wie in der Begeisterungsfähigkeit für die Bühne oder seinem Gespür für erfolgversprechende Stücke – wieder. Wie sein barockes Vorbild stammt auch er aus dem niederbayerischen Straubing. Anders als Schikaneder wünscht sich Franz Aichinger aber “etwas weniger Auf und Ab” in seinem Leben.

Franz Aichinger schlüpft in die Rolle von Emanuel Schikaneder. Foto: www.janazellmerfotografie.de

Denn Emanuel Schikaneder erlebte größten Ruhm und bitterste Armut. Geboren wurde er in der heutigen Zollergasse in ärmlichen Verhältnissen. Nach einem wechselvollen Leben, das ihn bis an die Spitze der damaligen Kulturwelt brachte, starb er einsam in einem Wiener Elendsviertel. Doch zwischen Geburt und Tod lebte Schikaneder wie ein Rockstar.

Schockieren, um zu faszinieren 

 

Schikaneder hat Talente früh erkannt. So bezeichnete er Beethoven als zweiten Mozart und Schiller, den er in seinem Testament bedachte, als deutschen Shakespeare. Lob zu verteilen war für den Erfolgsmenschen Schikaneder kein Problem. Als umherziehender Musiker in Wandergruppen machte er auf sich aufmerksam. Viele seiner über 100 selbstgeschriebenen Opern, Theaterstücke und Lustspiele wurden mit Standing Ovations gefeiert. Auch als Schauspieler gelang es ihm, das Publikum für sich zu gewinnen. 

 

Nach der Uraufführung der “Zauberflöte” 1791 in Wien sollte sein Name die Zeit überdauern. Damals wie heute zieht das Stück Jung und Alt an. Außerdem ebnete er mit dieser Idee eines Singspiels den Weg für das Musical Genre. Die meisten seiner anderen Werke sind heute nicht mehr bekannt. Ziel war leichte Unterhaltung, außerdem wollte Schikaneder mit Witz auf gesellschaftliche Missstände hinweisen. Oft nutzte er dabei neue technische Möglichkeiten wie von der Decke schwebende Wesen oder bewegliche Drachen auf der Bühne. Das sprach auch das Publikum aus den unteren Schichten an. Nicht selten übernahm er sich damit finanziell. Bei seinen Inszenierungen schockierte Schikaneder gerne: Einmal tritt er als Gans auf die Bühne, seine Mitspieler, die Hühner und Hähne, stellen das Publikum dar. Ein anderes Mal erlegt er lebende Hirsche auf der Bühne. Schikaneder liebte das Zuviel, womit er im Laufe der Zeit auch immer wieder scheiterte. Doch Niederlagen hielten ihn nicht ab: Nach einem Misserfolg schrieb Schikaneder ein neues Stück, das wieder hochgelobt wurde – dies führte über Jahre hinweg zu einem arbeitsintensiven Teufelskreis.

Schikaneder – ein Mann voller Gegensätze

 

Schikaneder war nicht nur beruflich ein Draufgänger. Privat galt er mit seinen Affären, unehelichen Kindern und Trinkgelagen als Lebemann, dem man Größenwahn vorwarf. Im Gegensatz dazu stand “Papa Schikaneder”, wie er genannt wurde: Er sorgte rührend für seine Theatergruppe, es fehlte nie an Verpflegung oder Lohn. Auch spendete er trotz eigener Geldnot für verwundete Soldaten. Sein Ende war geradezu “schikanesk”: Seinen Leichnam kippte man 1812 aus einem Sarg in ein Massengrab ohne Beschriftung.

Einen Drink auf das Leben

 

Der Straubinger Stadtturm und die Dreifaltigkeitssäule liegen im Sonnenschein. Nach einer einstündigen Tour durch die Gäubodenstadt – vorbei am Herzogsschloss und der Straße, in der Schikaneder zehn Jahre gelebt hat, an Freudenhäusern, die Schikaneder wohl auch kannte, folgt die letzte Einstellung. Danach wird Emanuel Schikaneder wieder zu Franz Aichinger. Er atmet kurz durch und blickt nun mit einem Lächeln auf die widerspenstige Schuhschnalle. Jetzt einen Drink. Wie das historische Vorbild es wohl damit gehalten hätte? “Wenn nicht in diesem Leben, wann dann?”, sagt Aichinger.

Mehr über Schikaneder erfahren Sie in der Ausgabe 01/2021.

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Christine Henze

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