“Hundsauto, miserabligs!” – Schimpfen auf Bairisch

Ausriss: Redaktion

Ob der “Münchner im Himmel”, Karl Valentin oder Gerhard Polt: Der Grantler gehört zu Bayern wie das Bier und die Tracht. Aber schimpfen die Bayern wirklich so viel? Reinhold Aman musste es wissen: Der gebürtige Niederbayer, der Anfang März 2019 in seiner Wahlheimat USA gestorben ist, hat sein Leben der Erforschung von Schimpfwortkulturen gewidmet (Archivbeitrag).

Herr Dr. Aman, fluchen und schimpfen Sie oft?

 

Reinhold Aman: Wenn ich Leute kennenlerne, die von meinem Beruf als Schimpfwortforscher wissen, sind sie immer erstaunt, wie “höflich” ich bin und dass ich stundenlang reden kann, ohne dass mir ein einziges Schimpfwort herausrutscht. Man braucht schließlich kein “studierter” Botaniker zu sein, um Rosen zu bewundern. Manche sammeln halt Rosen; ich sammle sprachliche Disteln. Ich schimpfe und fluche aber nur, wenn ich einen guten Grund dazu habe – und den habe ich fast jeden Tag!

Sie leben seit fast 60 Jahren in den USA, sind aber im niederbayerischen Straubing aufgewachsen. Rutschen Ihnen noch bairische Schimpfwörter heraus oder schimpfen Sie inzwischen nur noch auf Englisch?

 

Obwohl ich in mindestens zwanzig Sprachen fließend schimpfen und fluchen kann, wettere ich meistens auf Boarisch, Englisch oder Spanisch. Die Skala meiner bairischen Schimpfwörter und Flüche reicht von ziemlich harmlosen (“Scheißglump, varrecks!”, “Zäfix Alleluja!”, “Hundsauto, mise rab ligs!”) bis zu haarsträubend obszönen und gotteslästerlichen Kraftausdrücken, die ich nur bei besonders schlimmen Fällen benutze und die man hier natürlich nicht drucken kann. Jedenfalls schimpfe und fluche ich noch immer fließend Straubingerisch, auch wenn ich schon länger als ein halbes Jahrhundert im Ausland lebe.

Für Ihr erstmals 1973 erschienenes “Bayrisch Österreichisches Schimpfwörterbuch” haben Sie etwa 2500 Schimpfwörter gesammelt. Man hat den Eindruck, die Bayern schimpfen und fluchen besonders gerne und ausführlich – stimmt das?

 

Das ist zum Teil wahr, zum Teil stereotypisch wie die Lederhose und der Gamsbart. Beim Schimpfen und Fluchen muss man die Qualität von der Quantität unterscheiden. Die besten auf beiden Gebieten sind Jiddisch, slawische Sprachen und Ungarisch. Die erste Sprache ist ziemlich “keusch”, während die anderen zwei unglaublich obszön und gotteslästerlich sein können. Das betrifft die Menge und Qualität. Dazu kommt noch die Qualität der Blasphemie. Auf diesem Gebiet sind die Einwohner anderer katholischer Länder und Gegenden – von Québec bis Brasilien – die besten (d.h. schlimmsten). Unsere bairischen “Gruzäfix” und “Heagodsaggarament” sind im Vergleich zu anderen Gotteslästerern kindlich harmlos. Dass die Bayern besonders gerne und ausführlich schimpfen und fluchen, ist halt wieder so ein Schmarrn, den man nicht ausrotten kann. Die Schwaben, Hessen, Düsseldorfer und Berliner schimpfen und fluchen so viel wie die angeblich ständig schimpfenden und fluchenden Bayern, nur vielleicht ein wenig seltener in der Öffentlichkeit. Wenn so einem feinen Norddeutschen zufällig einmal zwei schimpfende Bayern unterkommen, schon wird sein Vorurteil verstärkt und die 98 anderen werden ignoriert.

In Bayern gibt es den “Grantler”, im restlichen Deutschland den “Griesgram”. Gibt es einen Unterschied zwischen den beiden Typen?

 

Nur einen: Der mürrische Griesgram ist passiv und still und frisst seinen Ärger, Verdruss und seine üble Laune in sich hinein, während der Grantler aktiv seinen Unmut mehr oder minder laut von sich gibt.

Warum hören sich Schimpfwörter auf Bairisch weniger schlimm an als auf Hochdeutsch?

 

Weil halt Bairisch “ulkig” und weicher klingt, selbst ordinäre Wörter. Für Bayern klingen viele starke Schimpfwörter mehr oder wenig harmlos, weil sie sie gewohnt sind und schon oft gehört haben. Wenn aber ein “Braiss” (Preuße, Anm. d. Red.) richtig zusammengestaucht wird, etwa mit “Du godvarreckta Hundsbazi, du godvarreckta!”, dann ist Schluss mit ulkig.

Manche bairische Schimpfwörter können auch als Kompliment gemeint sein: Jemand kann “ausgschamd” sein, weil er besonders schlau ist, oder eben, weil er ein unverschämtes Verhalten an den Tag legt. Wie ist das möglich?

 

Solche Wörter mit negativer (Schelte) und positiver (Lob, Bewunderung) Bedeutung gibt’s mehrere. Bei fast allen Haupt- und Eigenschaftswörtern kommt es darauf an: erstens wer, zweitens was, drittens zu wem, und viertens warum er diese Wörter sagt. Etwa “Hund”: Wenn es als Schimpfwort benützt wird, ist es natürlich negativ. Es kann aber auch das höchste Lob und die größte Anerkennung sein: “Mensch, bist du ein wilder Hund!” oder “Ja, so ein verreckter Hund!” oder “So a narrischer Daife!” (Teufel, Anm. d. Red.), wenn jemand eine besondere Leistung vollbracht hat.

Ihr Rat für Touristen, die in Bayern unterwegs sind: Mit welchen Schimpfwörtern kommt man weiter, was sollte man eher lassen?

 

Alles! Was der Auswärtige für harmlos, witzig oder lustig hält, kann der Einheimische, der die Nuancen kennt, als tödliche Beleidigung übelnehmen. Der “Braiss” kann also schon weiterkommen – in ein frühes Grab!

“Es ist ein schmutziger Job, aber jemand muss ihn tun”

 

Eigentlich hatte Reinhold Aman gar nicht vor, sich den “sprachlichen Disteln” zu widmen: In der Schulzeit waren Chemie und Biologie die Lieblingsfächer des 1936 geborenen Niederbayern. Der Funke, der seine lebenslange Lust auf Sprachen zündete, sprang auf einer Reise durch Italien über. 1957 wanderte er ins frankokanadische Québec aus, wo er “gotteslästerliches Französisch” lernte, sein Englisch verbesserte und Chemotechniker wurde. Zwei Jahre später zog er in die USA, wo er auf Anraten eines Straubinger Schulkameraden ein Sprachstudium begann: “Und das war das Ende der Chemie.”

Reinhold Aman. Foto: © Susan Aman

1965 studierte Aman in Texas Mediävistik und fing an, sich mit dem Jiddischen zu befassen: “Nicht nur, weil diese Sprache wie Bairisch aus dem Mittelhochdeutschen kommt, sondern auch, weil Jiddisch der Weltmeister im Schimpfen, Fluchen und Verfluchen ist.” Nach seiner Promotion 1968 arbeitete er als Hochschuldozent. 1975 erschien sein “Bayrisch Österreichisches Schimpfwörterbuch”, für das er rund 2500 Ausdrücke gesammelt hatte. 

 

In den vergangenen 28 Jahren hat Aman, schon lange zu einer Koryphäe in der weltweiten Schimpfkulturforschung avanciert, nördlich von San Francisco gelebt. Auch dort widmete sich der “Owagrantlhuawa” ein “Obergrantlhuber” ist ein besonders mürrischer Mensch ), wie er sich selbst bezeichnete, den Sprachen: “Ich lernte mexikanisches Spanisch und saftige Flüche”, erzählte er uns. Am 2. März 2019 ist er dort mit 82 Jahren gestorben. 

 

Hat er es jemals bereut, sich so intensiv der Malediktologie gewidmet zu haben, dass er seitdem vor allem als Schimpfwort-Experte gehandelt wurde? “Überhaupt nicht. Ich hab mir eine dicke Hornhaut wachsen lassen. Wie die Amis sagen: Es ist ein schmutziger Job, aber irgendjemand muss ihn tun! Ich finde die Malediktologie höchst interessant, denn sie lehrt uns viel über die Menschen weltweit und deren Wertsysteme. Wer mich auslacht oder beschimpft – besonders Frömmler und Kakademiker (von mir 1977 geschöpft!) – kann mich kreuzweise, im Zickzack oder spiralenförmig … na, Sie wissen schon was.”

Mehr darüber erfahren Sie in der Ausgabe 03/2019.

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Christine Henze

Christine Henze

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