Ganzjährig Weihnachten: Ein Besuch im Schwäbischen Krippenmuseum in Mindelheim

Krippenmuseum Mindelheim
Im Schwäbischen Krippenmuseum Mindelheim hat jedes Ausstellungsstück seine eigene Geschichte. Foto: bayern.by/Gregor Lengler

Mehr als 200 circa sieben Zentimeter große Figuren tummeln sich auf dem schwäbischen Krippenberg. Maria, Josef, Ochs und Esel mittendrin – und natürlich das Jesuskind. Ein dreidimensionales Wimmelbild im Glaskasten. Die Krippe erzählt die Geschichte Christi in sechs Szenen – von der Geburt über die Anbetung der Könige, den bethlehemitischen Kindermord bis zur Hochzeit von Kana. Anton Schuster (1777 – 1835), Bildhauer aus Kellmünz an der Iller, hat sie im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts gebaut. Damit befeuerte er den gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Mindelheim aufflammenden Krippenboom, sagt Friederike Haber, Leiterin des Schwäbischen Krippenmuseums.

Mindelheim gilt als Wiege der schwäbischen Krippenkunst. Die Jesuiten haben hier 1618 die erste Krippe Schwabens aufgebaut. “Ein Medium der Verkündigung in der Gegenreformation. Im Grunde ein Marketingmittel”, sagt Friederike Haber. “Die Jesuiten haben erkannt, dass eine Predigt zwar schön und gut ist. Aber man sagt immer: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.” Bis zu einem Meter hoch waren die Figuren. Reich geschmückt, in schöner Kleidung vor einer edlen Palastkulisse, verkündeten sie die Menschwerdung des Sohnes Gottes. Noch heute werden Teile der Jesuitenkrippe zu Weihnachten in der Mindelheimer Jesuitenkirche aufgestellt. Im Schwäbischen Krippenmuseum sind drei der ehemals 250 Figuren zu sehen. An der Wand hinter ihnen wechseln sich alte schwarzweiß Ansichten der in der Kirche aufgebauten Krippe mit weiteren, einzelnen Jesuitenkrippenfiguren ab.
Friederike Haber ist Leiterin des Schwäbischen Krippenmuseums in Mindelheim. (Foto: Marina Jung)

Das Krippenverbot im Jahr 1804

 

In den vielen Kirchen und Klöstern in und um Mindelheim ahmten die Menschen die Jesuiten nach und bauten Krippen nach deren Vorbild auf. Doch dann kam das Zeitalter der Aufklärung. Krippen wurden verkauft, versteigert oder einfach entsorgt – 1804 gab es gar ein Krippenverbot. Privatleute retteten die kirchlichen Krippen. “Jeder wollte eine Krippe haben”, sagt Friederike Haber. “Wir wissen aus dem Mindelheimer Anzeigenblatt, dass man eingeladen hat zum Krippenschauen ins Privathaus. Man wollte zeigen, was für einen Schatz man hat.” Für Kinder sei sogar Eintritt verlangt worden.

Für den Mindelheimer Bäckermeister Lorenz Fackler (1812 – 1887), einen Schüler Anton Schusters, war der Krippenbau Hobby und Leidenschaft zugleich. “Der war absolut krippenbegeistert”, sagt Friederike Haber. “Der hat alles ausprobiert: alle möglichen Materialien, alle Techniken. Und er hat auch alle Stile miteinfließen lassen.” Pappmaché, Holz, Wachs – mit ihm begann das, was heute das Wesen der meisten Krippenausstellungen ist: eine riesige Modelllandschaft in der Fläche, beeinflusst von den Gemälden des Klassizismus mit tiefliegendem Horizont.

Eine Krippe, so groß wie ein ganzes Stockwerk

 

Facklers Krippe füllte aufgebaut angeblich das ganze Stockwerk eines Bürgerhauses. “Der Zug der Könige muss gigantisch gewesen sein”, sagt Friederike Haber. Heute ist nur noch ein kleiner Teil davon erhalten. Damit es nach mehr aussieht, wurde im Museum mit Spiegeln an der Vitrine “geschummelt”. Statt zwei Soldaten schreiten und reiten nun jeweils vier in einer Reihe hinter den Königen aus dem Morgenland her. Bekleidet mit reich verzierten, goldenen Gewändern drehen sich diese vor ihrem Zelt wie auf einer Spieluhr im Kreis.

Den Königen, Weisen, Magiern oder Sterndeutern, wie sie genannt werden, gehört im Krippenmuseum ein ganzer Raum. Gibt man auf einer zentral platzierten Säule einen Code ein, leuchtet auf einer riesigen Himmelsscheibe das gewünschte Sternbild auf. Der Astrophysiker und Wissenschaftsjournalist Harald Lesch erklärt derweil in einem Film, was es mit dem “Stern von Bethlehem” auf sich hat.

Ein Paradies für Krippen

 

Mit ihrer Begeisterung für Krippen haben die Mindelheimer die gesamte Gegend zwischen Iller, Donau, Zusam und dem Allgäu angesteckt. Sie wird schwäbisches Krippenparadies genannt. In jeder noch so kleinen Gemeinde lassen sich spätestens seit dem 19. Jahrhundert begabte Laienschnitzer nachweisen, die ihre Werke auf den “Kripplesmärkten” der Region anboten. “In diesem Krippenparadies war das Schnitzen so in der DNA drin, da konnte jeder Bub schon von klein auf schnitzen”, sagt Friederike Haber.

Zu ihnen zählte der aus Burgau stammende Maurer Josef Wiegel († 1918), der als Saisonarbeiter versuchte, seine kinderreiche Familie mit Schnitzarbeiten über den Winter zu bringen. Seine Schnitzkunst war stilbildend. Doch davon hatte Wiegel nichts: Wertschätzung erfuhren seine Arbeiten erst nach seinem Tod. Heute erzielen große Wiegelkrippen Beträge im mittleren fünfstelligen Bereich. Im Museum gibt es gleich drei seiner Werke zu sehen, in verschiedenen Größen.
Nicht jeder hatte Zeit, Muße und Talent, Figuren und Krippen selbst zu machen. Dabei wollte jeder eine haben, wie Friederike Haber sagt. Und so etablierten sich im Laufe der Zeit auch günstigere, reproduktiv hergestellte Varianten, sogenannte “Arme-Leute-Krippen” wie die “Bachenen” (aus Lehm Gebackene) der “Türkheimer Krippenindustrie” oder die “Hutter’schen Figuren” aus Papier, benannt nach dem Augsburger Kupferstecher und Lithographen Josef Hutter. Wegen ihrer einfachen Reproduzierbarkeit wurden diese Krippen ab Ende des 19. Jahr hunderts im größeren Umfeld verkauft, sagt Haber.

Kein Weihnachten ohne Krippe

 

Weihnachten ohne Krippe? Das geht im Schwäbischen Krippenparadies gar nicht. “Die ist wichtiger als der Baum”, sagt Friederike Haber. Trotzdem kommt beim Rundgang durch das Museum kaum Weihnachtsstimmung auf. “Kennen Sie das Video zum Lied ‚The Power of Love’ von Frankie goes to Hollywood?”, fragt die Museumsleiterin. “Da sieht man die Weihnachtsszene: die Heiligen Drei Könige, den Stern, die Krippe.” In dem Lied gehe es gar nicht um Weihnachten, die Band habe aber wegen einer Tour keine Zeit für den Videodreh
gehabt. Und nun laufe das Lied unter dem Label “Weihnachten”. “Die haben das gleiche Problem wie ich”, sagt Friederike Haber. “Kein Weihnachtsmuseum. Ich wollte nicht, dass man reingeht und das Gefühl von Glühwein und Spekulatius hat.”

Die großen schwäbischen Krippen sind nicht als komplette Modellandschaften aufgebaut. Im Museum lassen lediglich einzelne Szenen die ehemalige Pracht und das Ausmaß erahnen. Dafür bietet es auch nicht ausreichend Platz. Die schwäbischen Krippenberge sind 3DWimmelbilder hinter Glas. Die Augen huschen von links nach rechts, von oben nach unten. Die Geburt Christi wird zur Nebensache, man muss den Stall förmlich suchen. Stattdessen sollen die Exponate zum Ausdruck bringen, dass die Krippe in Schwaben eine tiefverwurzelte Tradition hat.
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Christine Henze

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