Der Mann hinter den Masken: Ein Besuch bei Holzschnitzer Buchwieser aus Grainau

Holzschnitzer Grainau
Simon Buchwieser hat über 150 Holzlarven geschnitzt und narrte jahrelang ganz Grainau. (Foto: Marina Jung)

Über 150 Larven hat Simon Buchwieser schon geschnitzt. Doch lange Zeit wusste in Grainau kaum jemand, wer mit den eigentümlichen Holzmasken im Werdenfelser Stil in den Wirtshäusern für Stimmung sorgt.

“O amoi hab i so an Oiden1 gmacht”, sagt Simon Buchwieser. “Da bin i im Nachthemd und mit de Latschen zum Italiener eine und hab mi auf d’Bank hingflackt. Der Italiener hod gschaugt, als ob er glei die Polizei oruft.” Die Szene habe sich erst aufgeklärt, als die dazugehörige Alte mit Nachthemd und Teppichklopfer die Wirtschaft betreten hat. “Ja, da bist ja!”, soll sie gesagt haben, als sie den “Schlafwandler” endlich gefunden hat.

Simon Buchwieser war schon als Kind in der Fasnacht unterwegs; auch beim “Gungeln”, einer Form des Maschkera-Gehens, bei der Vollverkleidete plötzlich in die örtlichen Wirtschaften einfallen und andere Besucher ungehemmt aufziehen, ohne hinter der Larve erkannt zu werden.

Der heute 66-Jährige lebt seit etwa 13 Jahren mit seiner Frau Gabi in Grainau. Geboren wurde er in Garmisch. Mit seinen selbstgeschnitzten Charakterlarven macht er seitdem Grainau zur Fasnachtszeit unsicher – alleine oder in einer kleinen Gruppe. “Trommeln und bumm bumm bumm, des hab i ned ham kenna”, sagt er. Deswegen die originellen Figuren, “da kannst allein losziehen”, sagt Simon Buchwieser.

Buchwieser Grainau
Wie entstehen die Holzlarven? Das zeigt Simon Buchwieser hier. (Foto: Marina Jung)
Lange Zeit wurde spekuliert, aber keiner hat erraten, wer der wuiselnde Junggeselle, der keine Frau findet, die alte Hexe, die mit dem Besen die Schandtaten unter dem Tisch hervorkehrt, oder der Imker. In voller Montur und mit einem Bienekasten sei er in der Wirtschaft aufgeschlagen. Dann habe er die Bienen eingesprüht, damit sie ruhig sind. Und dann habe ihn eine Biene gestochen. “I bin allergisch gegen Biene. Schau dir mei Backn o”, soll er geschrien haben. “Da geht’s dann voll ab. Des is a riesen Gaudi.” Mit etwa 14 Jahren hat Simon Buchwieser angefangen zu schnitzen. Sein erstes Werk war eine kleine Madonna. Ein Kirchenmaler hat ihm gezeigt, wie er sie fassen kann.

Er war begabt. Sogar ein Stipendium für die Garmischer Schnitzschule hat er angeboten bekommen. “Die hätt‘ sich kaum einer leisten können”, sagt er. “Bist verrückt? Da verdienst doch nix. Schaug, dassd wos gscheits lernst”, soll der Vater gesagt haben. Also hat Simon Buchwieser eine Ausbildung als Starkstromelektriker gemacht. Danach Bundeswehr und 49 Jahre Angestellter, später Abteilungsleiter, bei den Gemeindewerken Garmisch. Doch das Schnitzen hat er nie aufgegeben. Über 150 Larven sind bisher entstanden. Dazu zahlreiche Objekte, von der Pietà in einer Walnussschale über Christusstatuen bis hin zum lebensgroßen Adler. Woher er die Ideen für die Larven nimmt?

Er studiere Gesichter. “Jeder hat a anders Gsicht”, sagt er. Deshalb hängen auch Horst Seehofer, Angela Merkel und Albert Einstein in seinem Larvenschrank. Eine andere Inspirationsquelle findet er immer wieder in den Karikaturen von Honore Daumier oder Wilhelm Busch.

Jede Larve erzählt eine Geschichte

Schon während er mit Beitel und Klüpfel die Larve aus einem Zirbenblock herausschlägt, überlegt Simon Buchwieser, wie er die Figur später einmal auftreten lässt. “Da muasst immer a Thema ham. Des is wie Bauerntheater”, sagt er. Für einen Maschkera mit traditioneller Larve reichen eine alte Tracht, ein Kopftuch und ein Hut als Verkleidung. Für Simon Buchwiesers themenbezogene Charakterlarven braucht es Kostüme und Requisiten. Er nimmt eine Larve aus dem Schrank und geht damit zu einer lebensgroßen Puppe. Sie trägt ein weißes Hemd und einen grauen Janker. Bunte Kopftücher und ein Filzhut sollen das Maschkera-Outfit komplettieren. Simon Buchwieser setzt der Puppe die Larve auf. In der dicken Backe ihres schmerzverzerrten Gesichts steckt eine Biene. Lustig. Aber wie ein Imker wirkt das nicht. Deshalb hat sich Simon Buchwieser für den “Imker” einen weißen Imkeranzug und eine Bienenkiste besorgt.

Er öffnet links die alte Bauerntruhe. Bleischwere Handtaschen, eine Bärentrommel und ein brauner Fellknäuel kommen zum Vorschein – ein Zwergspitz aus Plüsch. Mit der Leine, einem dünnen Eisenstab, bewegt er den Hund so vor sich her, als wäre dieser völlig außer sich. “Wennst irgendwas in der Hand hast, dann kannst glei a Gespräch anfangen”, sagt er. Trotzdem brauchen die Larvengänger auch “a bissl a Gefühl. Wenn oana sein Salat isst, dann kannst da ned mit dem Hund umanandahupfa.”

Auch die Enkel gungeln schon

Simon Buchwieser liebt seine Larven. Manchmal verleiht er sie an gute Bekannte zum “Gungel-Geh” – auch wenn er sie nicht gerne hergibt. “Weil, a jede Larv hod a Gschicht”, sagt er. Wer sich immer eine Larv nehmen darf, das sind seine vier Enkelkinder. Sie haben eine eigene Schublade mit Kinderlarven. Genau so fein und detailgetreu gearbeitet wie die der Erwachsenen: eine Hexenlarv, unter der seine kleine Greta sogar ihren “Duzi” drin lassen kann. Einen Bären, der das Maul aufmacht und die scharfen Zähne zeigt. Oder den Räuber Hotzenplotz.

Plötzlich taucht der kleine Tobias im Türrahmen auf. Er hat einen schwarzen Hut mit roter Krempe auf, um den Bauch einen Gürtel, in dem mehrere geschnitzte Messer stecken. “Opa, könn ma mit der Larv spuin?” fragt er. “I kim ned zum Hotzenplotz auffi.” Opa Buchwieser geht mit ihm und wenig später hüpft der Räuber Hotzenplotz in Miniaturausgabe durch den Raum. “Whaa, Whaa.” Die Nachfolge für das Gungeln also gesichert. Mit Begeisterung marschieren Simon Buchwiesers Kinder und Enkel am Faschingsdienstag mit, wenn die Maschkera ab 12 Uhr mittags raunzend durch Grainau ziehen. Sie wollen die bösen Geister und den Winter mit viel Lärm vertreiben. Immer mit dabei: Opa Buchwiesers selbstgeschnitzte Larven im Werdenfelser Stil.

Wenn abends beim Schnitzelessen plötzlich ein Bär in der Wirtschaft auftaucht und maskierte Frauen und Männer hereinstürmen, dann ist wieder “Maschkera-Gungl”. Vom ersten Sonntag nach Heilige Drei Könige bis zum Faschingsdienstag findet das gesellige Spektakel jeweils Montag, Dienstag und Donnerstag abends bis circa 23.45 Uhr in verschiedenen Gasthäusern in Grainau, Mittenwald, Garmisch-Partenkirchen, Saulgrub und Farchant statt. Buntes Maschkera Treiben mit Schellenrührer, Mühlradl, Goaslschnalzern und anderen Figuren gibt es jeweils am Unsinnigen Donnerstag und am Faschingsdienstag ab 12 beziehungsweise 13 Uhr in den Gemeinden des Werdenfelser Landes. Pandemiebedingt kann es hier derzeit zu kurzfristigen Änderungen kommen. Aktuelle Informationen und Termine: www.maschkera.de

Weitere Fotos und Informationen finden Sie in der Ausgabe 01/2020.

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Christine Henze

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