Auszeichnung mit der bairischen Sprachwurzel für Mundartsprecher

Die Bairische Sprachwurzel wird seit 2005 verliehen. Foto: Doris Emmer

Im Interview spricht der Bairisch-Experte Sepp Obermeier vom Bund Bairische Sprache  über die Verleihung der Bairischen Sprachwurzel.

Papst Benedikt XVI., Musiker Haindling, Kabarettistin Luise Kinseher, Regisseur Marcus H. Rosenmüller, Pfarrer Rainer Maria Schießler und die Wellgeschwister mit Nachwuchs haben alle etwas gemeinsam: Sie sind mit der Bairischen Sprachwurzel ausgezeichnet worden. Was ist das für ein Preis?

Sepp Obermeier: Im Jahr 2005 ist ein Münchner Kulturschaffender für seine bairischen Fernseh-Dialoge mit einem bairischen Sprachpreis ausgezeichnet worden und hatte vor und nach der Preisverleihung mit Interviews in einem gespreizten Standarddeutsch sich selbst einen Realsatirepreis verliehen. Nach diesem Schlüsselerlebnis beschloss ich, einen Sprachpreis mit einem strengen Vergabekriterium aus der Taufe zu heben, der auch eine Wirkung auf den dialektalen Spracherhalt haben sollte. Ein Sprachpreis an Prominente sollte es sein, die auch bei offiziellen Anlässen (Bühnen-Bairisch als Kommerzvehikel zählt nicht dazu!) einen „Tabubruch“ begehen und Bairisch reden. Nach einigen Jahren sollte sich ein prominentes Wurzelgeflecht gebildet haben, mit dialektalem Vorbildcharakter und Multiplikatoreffekt als langfristige Spracherhaltungsstrategie. Und symbolträchtig und unverwechselbar sollte der Preis sein, auf keinen Fall eine Allerweltsmedaille. Auf einem grünen Glassockel aus Bayerwaldglas, der die europäische „Sprachwiese“ der Regionalsprachen darstellen soll, wurzelt ein glasklarer massiver Baumstamm, der das dialektale muttersprachliche Selbstbewusstsein des Preisträgers symbolisiert. Allein das schwierige Gießverfahren hinterließ eine Menge Scherben und war erst nach zwei Jahren ausgereift. Die Baumkrone bildet eine Glaskugel mit blasenförmigen Lufteinschlüssen, die hirntomographischen Aufnahmen des Sprachzentrums verblüffend ähneln.

Was haben Sie bisherigen Preisträger der Sprachwurzel geleistet?

Obermeier: Im Gegensatz zu so manchen Brauchtumspreisträgern, bei denen sich die Leistungen oft nur vage, verschwommen und abstrakt erahnen lassen, haben die bisherigen Preisträger der Bairischen Sprachwurzel die strengen Vergabekriterien ausnahmslos erfüllt. Deswegen bekamen die von Ihnen beispielhaft genannten unter den bisher 16 Preisträgern unseren Sprachpreis: Papst Benedikt XVI. im Jahr 2006, weil er bei vier verschiedenen Privataudienzen mittelbairisch redete. Der Filmkomponist und Multiinstrumentalist Hans Jürgen Buchner „Haindling“ für seine ausnahmslos im Dialekt gegebenen Interviews – und das bei einer aus Berlin stammenden Mutter. Die Kabarettistin Luise Kinseher insbesondere für ein 45-minütiges politisches Interview im Bayerischen Fernsehen auf Mittelbairisch. Der Filmregisseur Marcus H. Rosenmüller für sein ausnahmsloses Dialektsprechen in der Öffentlichkeit. Bei der TV-Übertragung der Verleihung des Bayerischen Fernsehpreises war er unter allen dialektkundigen Prominenten der Einzige, der selbstverständlich vor einem Millionenpublikum Bairisch redete. Für den prominenten Münchner Stadtpfarrer Rainer Maria Schießler ist der öffentliche Dialektgebrauch ganz selbstverständlich ein Teil seiner seelsorgerischen Strategie. Sein einstündiger Auftritt in der BR-Kultsendung „Jetzt red I“ wurde zu einer dialektalen sprachpreiswürdigen Sternstunde. Und nach den „Wellküren“ im Jahr 2008 haben mit den Well-Brüdern und ihren Kindern bereits neun Mitglieder der Künstlerfamilie Well unseren Sprachpreis als Garanten für den authentischen öffentlichen Gebrauch ihres westmittelbairischen Basisdialekts und nicht zuletzt für ihren langjährigen dialektfördernden Einsatz in bayerischen Kindergärten verliehen bekommen.

Gibt es ein paar Geschichten von den Preisverleihungen, die Ihnen im Gedächtnis geblieben sind? Ein paar Anekdoten?

Obermeier: Als ich am 11. Oktober 2006 in Rom Papst Benedikt XVI. die Symbolik der Glasskulptur erläuterte und darauf, hinwies, dass der tiefwurzelnde Baumstamm das muttersprachliche Selbstbewusstsein des Preisträgers symbolisiere, dem nicht einmal der Globalisierungswind etwas anhaben könne, griff der Heilige Vater das Wort auf und stellte lächelnd fest: „Ja, dann miaß ma fest boarisch redn, dass uns da Globalisierungswind ned okonn.“ Vor dem geistigen Auge werde ich jene Szene auch nie vergessen, wie 2011 der Musikkabarettist Dr. Georg Ringsgwandl während der Laudatio auf ihn durch Prof. Dr. Wolfgang Weiß, den renommierten Shakespeare- Lehrstuhlinhaber, immer wieder ungläubig den Kopf schüttelte und anschließend bewundernd attestierte, dass der Lobredner sein künstlerisches Wirken, das dieser genial mit den weisen Narren Shakespeares verglich, besser verstanden hatte als er selber. Die Sprachpreisverleihung 2014 konnte wegen eines heftigen Blitzlichtgewitters, ausgelöst von den vielen Pressefotografen, erst mit einer viertelstündigen Verspätung beginnen. Der Preisträger Stefan Dettl, Anführer der weltbekannten Kult-Blaskapelle „La BrassBanda“, deren Markenzeichen bis dahin der ausnahmslos barfüßige Bühnenauftritt war, erschien mit seinen Bandkollegen „zu Ehren von Sepp Obermeier und seinem weltoffenen Sprachverein“ erstmals geschniegelt und gestriegelt in kompletter Miesbacher Tracht samt Wadlstrümpfen und Haferlschuhen. Vorausgegangen war ein dreiwöchiger Medienrummel nach einem Boykottaufruf von Otto Dufter, Ehrenvorsitzender des Bayerischen Trachtenverbandes, der den barfüßigen Auftritt der Band beim Gautrachtenfest in Ruhpolding verhindern wollte.

Erzählen Sie bitte etwas über den Bund für Bairische Sprache, der die Sprachwurzel verleiht.

Obermeier: Vereinsmäßig organisiert gab es uns von 2002 bis 2011 als niederbayerisch-oberpfälzischer Regionalverband des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte e.V. Im Jahr 2011 haben wir uns als Bund Bairische Sprache e.V. selbständig gemacht und führen unsere Aufklärungsarbeit in den Medien und unsere Vortragsarbeit in den Kindergärten über die Dialekte als beste Grundlage für die Mehrsprachigkeit intensiv in ganz Altbayern fort. Unsere Programmatik für den Erhalt eines tausendjährigen Kulturgutes lässt sich kurz umreißen: Die im Elternhaus erworbene Muttersprache Bairisch soll im Kindergarten nicht ausgetrieben sondern gefestigt und in der Grundschule beim standardsprachlichen Spracherwerb auf Augenhöhe mit der Schriftsprache toleriert werden. Im Fach Deutsch hat sich sogar ein kontrastiver Umgang mit der bairischen Grammatik bis in die Abiturklassen als gewinnbringend erwiesen. Zum steten Tropfen, der den „Dialektausrottungsstein“ höhlt, gehört seit 16 Jahren die Verleihung unseres Sprachpreises „Die Bairische Sprachwurzel“ an prominente dialektsprechende Tabubrecher mit strategischer Vorbildfunktion und Multiplikatoreffekt. Desweiteren sind wir seit vielen Jahren auf Dialektologie-Symposien in engem Kontakt mit Sprachwissenschaftlern in Bayern und Österreich und haben unlängst einen Kooperationsvertrag mit der Philosophischen Fakultät der Westböhmischen Universität Pilsen unterzeichnet. Wir werden dabei unter anderem eingebunden in die Dialekt-Module des Pilsner Master-Studiengangs „Arealstudien: Bayernstudien“.

Sepp Obermeier im Interview. Foto: Kilian Obermeier

Was hat die Gestalt des Preises zu bedeuten?

Obermeier: Entstanden ist dieser bairische Sprachpreis für das größte zusammenhängende Dialektgebiet in Europa (Bairisch – mit „ai“ Schreibweise – , gesprochen in Niederbayern, Oberbayern, der Oberpfalz, Österreich ohne Vorarlberg und in Südtirol) aus einer mathematischen Formel, die Steven Strogatz und Daniel Abrams, zwei Mathematiker an der Cornell Universität in Ithaca, New York, entwickelten, um das Sterben der weltweit 6.500 Sprachen zu berechnen. Auf den Punkt gebracht besagt die Formel, dass alle 14 Tage eine Sprache unwiederbringlich verloren geht, in diesem Jahrhundert folglich neunzig Prozent aller Sprachen aussterben werden. Die Ursache ist immer dieselbe: Wenn zwei Sprachen in Konkurrenz zueinander ums Überleben kämpfen, dann überlebt immer die Sprache, die das höhere soziale Ansehen genießt (Beispiel Peru: Ketschuam und Spanisch). Deshalb wurde diese Sprachwurzel für prominente Preisträger aus der Taufe gehoben, die bei hochoffiziellen Anlässen ihren Dialekt auf die Augenhöhe mit der Standardsprache stellen und somit beide Sprachen in einem gleichberechtigten Nebeneinander überleben könnten. Nach mehreren Jahren wird sich dann mit prominenten bairisch-sprechenden Preisträgern ein Wurzelgeflecht beziehungsweise ein symbolträchtiger Wurzelstock mit Vorbildfunktion und Multiplikationseffekt gebildet haben.

Eine Preisträgerin hat ja die Mundart bis in den Weltraum hinausgetragen. Warum hat Berti Meisinger 2018 die Sprachwurzel bekommen?

Obermeier: Als am 6. Juni 2018 in Kasachstan im Weltraumbahnhof Baikonur die Sojus-Rakete, die den deutschen Astronauten Alexander Gerst zur internationalen Raumstation ISS beförderte, gestartet wurde, hatte der Bayerische Rundfunk für dieses Ereignis eine kompetente Live-Kommentatorin engagiert: Brigitte „Berti“ Meisinger, die Raumfahrtingenieurin und Missionsdirektorin von 50 Mitarbeitern im Kontrollzentrum Oberpfaffenhofen, die ein halbes Jahr lang rund um die Uhr die wissenschaftlichen Experimente für 15 Nationen in der Raumstation in enger Abstimmung mit der NASA koordinieren musste. Und was tat die hochdekorierte Wissenschaftlerin? Sie kommentierte das Weltraumereignis in ihrem mittelbairischen Weßlinger Ortsdialekt! Für den Tabubruch, bairische O-Töne ins Weltall zu senden, für diese „Mission Bavarian Language“ verliehen wir Berti Meisinger zwei Monate später die „Bairische Sprachwurzel“ und kamen dem Ministerpräsidenten Markus Söder zuvor, der für den September eine neue bayerische Raumfahrtstrategie der Staatsregierung angekündigt hatte.

Was wünschen Sie sich für die Mundart in den nächsten 100 Jahren?

Obermeier: Dass das muttersprachlichdialektale Selbstbewusstsein der Generation „Facebook und WhatsApp“ noch viele Jahrzehnte anhält und die kleine sprachkulturelle Revolution vor 15 Jahren, als die Jugendlichen auf dem Display ihrer Mobiltelefone aus der bairischen Mundart eine sprachökonomische Schreibart gemacht haben, sich als kein Strohfeuer herausstellt. Dass Bairisch keineswegs verstaubt, sondern durchaus auf der sprachlich pulsierenden Höhe seiner Zeit ist, das belegte vor elf Jahren bereits eine Studie des Passauer Sprachwissenschaftlers Horst Simon, der damals als Dozent am King’s College in London lehrte. Sein Forschungsprojekt über junge Leute, die beispielsweise in London am PC sitzen und mit Freunden in New York auf Bairisch chatten und auf global zirkulierende Themen mit mundartlich-lokalen Mitteln reagieren, überschrieb er mit „Glocalisation made in Bavaria“. An die tausend Videos auf Bairisch fand er im weltweiten Netz. Unter dem Pseudonym „Gnedlschorsch“ brachte es eine Kult-Persiflage auf den weltberühmten Song „Umbrella“ von Rihanna sogar auf eineinhalb Millionen Zugriffe und 1300 Kommentare. So bekennen sich Jugendliche von heute plötzlich zu ihren mundartlichen Wurzeln, die Kulturpolitiker den Generationen vor ihnen noch mit Stumpf und Stiel auszureißen versuchten. Wenn jedoch einer einzigen Vorschulgeneration der Dialekt ausgetrieben wird, dann hat es sich auf Bairisch unwiederbringlich „ausgechattet“, weil man eine Sprache nur bis zum zehnten Lebensjahr authentisch und akzentfrei erlernen und an die nächste Generation dann nicht mehr weitergeben kann. Und somit haben es Eltern und Erzieher von Vorschulkindern in der Hand, ob eine tausendjährige Kultursprache ausgerottet wird.

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Christine Henze

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