Kraft tanken im Moorbad: Ein Selbstversuch

Kraft tanken durch Mutter Natur? Ein Selbstversuch im Moorbad. (Foto: Ulrike Kühne)

Die Schneeglöckchen tanken Kraft aus dem Boden, schieben zarte Blätter und Blüten aus ihren Zwiebeln – während unsere Autorin Ulrike Kühne sich wintermüde fühlt. Kann die Erde auch menschliche Energiespeicher auffüllen? Ein Selbstversuch im Moorbad.

Harald Tröger, leitender Physiotherapeut der Limes Therme in Bad Gögging, hatte mich zuvor informiert, dass der flüssige Bade-Torf zwischen 40 und 43 Grad heiß sein werde. Als der Fuß sich Richtung Wannenboden vortastet, wird es wärmer, bleibt aber angenehm. Dabei ist Moor laut Tröger „das Heilmittel mit der intensivsten Wärmeabgabe“.
Ich ziehe das zweite Bein nach und lasse mich langsam in die Wanne gleiten. Der Geruch regennasser Erde steigt auf und vertreibt die letzten Gedanken an Schokolade, auch wenn meine aus der Pampe ragenden Hände jetzt tatsächlich aussehen wie schokoliert. Ich versuche, mit den Armen Schwimmbewegungen zu machen. Das Moor leistet Widerstand, es ist zu dickflüssig für schnelle Bewegungen. Gut, dass ich freiwillig in der warmen Wanne bade und nicht versehentlich draußen im Bad Gögginger Niedermoor. Aber auch hier im Bottich bekommen manche Menschen Platzangst, sagt Harald Tröger. Ich verstehe, warum. Der braune Brei drückt leicht auf den Brustkorb. Das Atmen fällt etwas schwer. Im ersten Moment entsteht so ein Gefühl der Enge, das sich aber schnell verflüchtigt, als ich mir klarmache, dass keinerlei Gefahr droht.

Nicht mit Herzproblemen ins Moorbad

 

Noch fester darf der Bade-Torf nicht sein, „sonst entsteht zu viel Druck, auch auf die Gefäße“, sagt Physiotherapeut Tröger. Wer Herzprobleme hat, sollte besser nicht im Moor baden. Für solche Gäste bietet die Therme Teilbäder, Moor-Packungen, Moor-Kneten, Moor-Peeling und ein Moor-Tretbecken an.

Bei einem Spaziergang durch das Bad Gögginger Moor-Abbaugebiet hatte mir der Moor-Meister Josef Kiermeier am Vormittag erklärt, wie man die optimale Konsistenz des Moorbads ganz einfach erkennt: „Malen Sie mit dem Finger eine Acht in die Oberfläche. Die sollte noch einige Sekunden zu sehen sein.“ Tatsächlich, die Doppelschleife verschwindet sehr langsam. Und weil ich gerade am Malen bin, schmiere ich mir gleich noch eine Kriegsbemalung ins Gesicht.

Ganz allein in der Wanne voller Matsch bin ich wieder Kind. Mir fällt auf, dass ich nur mit dem Nacken die Wanne berühre. Der Rest des Körpers schwimmt im warmen Moor. Ob es mich auch ganz trägt? Ich beuge mich vor. Fast in Embryonalhaltung schwebe ich, gehalten von nichts als 15.000 Jahre alten Pflanzenresten und Wasser. Ich schließe die Augen. So muss es gewesen sein, in den neun Monaten zwischen meiner Zeugung und der Geburt. Ich bade in Mutter Erde und fühle mich völlig gelöst und frei.

In der Wanne steht die Zeit still

 

Die Wärme hat sanft den ganzen Körper erobert, ich könnte ewig hier liegen bleiben. „Das waren doch noch keine 20 Minuten“, schleudere ich der medizinischen Bademeisterin Christine Wörz empört entgegen, als sie die Tür öffnet. Sie lacht. Diese Reaktion kennt sie schon. Ein Badegast versteckte sich sogar im Moor, als sie ihn holen wollte. Als er prustend auftauchte, bekam sie einen „riesen Schreck“. „Stehen Sie bitte langsam auf“, sagt sie. Dann spritzt sie mich und die Wanne mit einem Duschkopf gründlich ab. Ruck zuck sind wir beide sauber. Weil diese Metall-Bottiche so gut zu reinigen und damit hygienisch sind, wird in der Therme nicht mehr in Holz-Zubern gebadet – außer im Sommer, wenn Fotos für Werbeprospekte geschossen werden.

Ob Holz oder Metall, mir ist das gerade herzlich egal. Ich fühle mich durchgewärmt und entspannt. Lange rinnt das Wasser in der Dusche meinen Körper hinab, denn Harald Tröger hat empfohlen: „Erst einfach alles gut ablaufen lassen, und wenn überhaupt, erst später mit Seife einreiben – sonst reibt man sich die Moorpartikel erst richtig in die Poren rein.“ Pflicht nach dem Moorbad ist: Ab in den Ruheraum, mindestens 20 Minuten ausruhen und ausschwitzen. Wie sehr ich geschwitzt und wie viele Minuten ich geruht habe, weiß ich nicht. Ich bin eingeschlafen.

Das Niedermoor in Bad Gögging: Eine geschützte Landschaft

 

Als ich aufwache, habe ich noch etwas Zeit bis zum abschließenden „Moor- Peeling.“ Ich schaue mir die Fotos an, die ich am Vormittag an der Moor-Abbaustelle gemacht habe. Moor-Meister Josef Kiermeier steht da mit seiner Schaufel vor der bis zu drei Meter hohen Torf-Schicht, die mich irritiert hat. Warum wächst das Torf in einem Niedermoor in die Höhe? Tut es nicht, habe ich erfahren. Das Thermalmoor wurde in LKW hierhergebracht und aufgeschichtet. Das originale Bad Gögginger Niedermoor im Landschaftsschutzgebiet Heiligenstädter Moos dagegen befindet sich auf Höhe des
Grundwasserspiegels. Unsere Stiefel sanken dort schmatzend ein zwischen Pfeifengras, Schilf und von Bibern angenagten Birken. Das Moor hingegen, das für die Therme abgebaut wird, befindet sich erst seit den 90er Jahren in Bad Gögging.

Dieses Moor ist umgezogen

 

Damals wurde der Rhein-Main-Donau- Kanal gebaut, mitten durch ein Moor im Ottmaringer Tal. Die wertvolle Moor-Erde wurde gerettet. „Eineinhalb Jahre lang haben sie Kipper für Kipper das Moor umgezogen“, erzählte der Moor-Meister. Das neu zugezogene Moor ruht 900 Meter von der Therme entfernt über der Höhe des regionalen Niedermoors. Die Wasserfrösche, Kiebitze und Hochmoorbläulinge im Landschaftsschutzgebiet werden somit nicht gestört, wenn die Therme Moor abbaut. Und selbst das zum Baden verwendete Moor wird in Auffangbecken wieder renaturiert. Das beruhigt mich, denn es bedeutet, dass ich mit meinem Bad in Mutter Erde der Natur nicht schade.

Und ich lasse mich guten Gewissens noch einmal vom Moor berühren: Nach einer Runde durch die Saunen- und Thermenlandschaft wartet eine Bademeisterin mit einer Schüssel voll Moor auf mich. Im Torf des Bad Gögginger Moores steckt ziemlich viel Sand, weshalb es sich hervorragend als Peeling eignet. Vom Haaransatz bis zu den Zehen reibe ich mich mit dem warmen Schlamm ein. Aus dem Spiegel blickt mir eine römische Bronzestatue entgegen. So passe ich prima in die Limes- Therme, denn hier stehen überall Fundstücke und Statuen aus der Römerzeit in den Gängen. Schon vor 2000 Jahren hatten die Römer die Heilkraft des Bad Gögginger Schwefelwassers entdeckt. „Bad“ Gögging darf sich der Ort, der stolz ist auf seine römische Vorgeschichte, aber erst seit genau 100 Jahren nennen. Die im Moor enthaltenen, entzündungshemmenden Huminsäuren dringen in die Haut ein und bewirken eine lang anhaltende Wärme.

Erst Peeling, dann Schlammschlacht

 

Auf einer gefliesten Liege, von Infrarot bestrahlt, verreibe ich immer wieder das langsa  trocknende Moor auf meiner Haut. Anfangs ist es breiig, später bilden sich Schlamm-Röllchen. Nach 25 Minuten bekomme ich einen Waschlappen und veranstalte eine Schlammschlacht unter der Dusche. Diesmal muss ich gut rubbeln, die schwarzen Flecken kleben auf der Haut. Die wird anschließend eingeölt – und ja, sie ist wirklich spürbar weicher und glatter als zuvor. Mein Mann wird sich freuen.
Letztendlich ist es mir aber gleichgültig, ob der Tag im Moor-Kurort mich schöner und jünger gemacht hat. Er hat die Verspannungen in meinem Rücken gelöst, die Kälte des Winters aus den
Knochen vertrieben und mir eine tiefe innere Ruhe geschenkt. So mache ich es diesen Februar wie die Schneeglöckchen: Ich blühe auf.

Weitere interessante Themen rund um Bayern lesen Sie in der Ausgabe 02/2019

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Matthias Jell

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