Snow White Gin aus dem Spessart – das Erbe der sieben Zwerge

Fabian Kreser (v. l.), Jonas Völker, Stefan Blum und Markus Skrobanek verkosten ihren Schneewittchen-Gin. Foto: © Bernhard Huber

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Beste im ganzen Land? Im Spessart brennen vier Jungs ihren eigenen Gin. Dabei führen sie nicht nur das Handwerk ihrer Großeltern fort, sondern schreiben auch ihr persönliches Märchen.

Ein kurzes Nippen am Glas. Der Alkohol steigt mir in die Nase, noch bevor ein Tropfen der klaren Flüssigkeit die Lippen berührt. Bitterer Geschmack im Mund. Ehe ich den 86-prozentigen Gin hinunterschlucken kann, hat er sich im Mund bereits aufgelöst. Was bleibt ist ein starkes Brennen in der Kehle und eine beißende Schärfe auf der Zunge. Was ich von ihrem Destillat halte, sehen die vier Jungs an meinem Gesichtsausdruck.
Drei beginnen zu lachen. Fabian Kreser, der Brenner, bleibt ernst. „Der hochprozentige Gin ist deutlich zu stark für den Genuss“, sagt er. Das Destillat, das nach einem sechseinhalbstündigen Brennvorgang entsteht, probiert außer den Hobbybrennern normalerweise auch niemand. Sie verdünnen den Schnaps so lange mit Quellwasser aus dem Spessart, bis der auch schmeckt – nach Äpfeln, Zitrusfrüchten, Wacholder und der holzigen Note des Waldes.

Heimat am nordwestlichsten Zipfel Bayerns

 

Man könnte die vier jungen Männer Stefan Blum, Fabian Kreser, Markus Skrobanek und Jonas Völker getrost als Heimatbotschafter bezeichnen. So sehr brennen sie für ihre unterfränkische Heimat Lohr am Main. Von hier wegzuziehen oder gar in die Großstadt zu gehen, könnte sich keiner von ihnen vorstellen – hier, aus dem nordwestlichsten Zipfel Bayerns, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. Blums Leidenschaft für Gin führte 2016 zur ihrer “Schnapsidee”, wie die Jungs es nennen. „Ich wollte meinen eigenen Gin haben“, sagt Blum. Einer mit heimischen Botanicals (Anm. d. Red: Für das individuelle Aroma des Gins werden verschiedene Zutaten hinzugefügt) aus dem Spessart sollte es sein. Ein Faktor spielte ihnen dabei besonders in die Karten: Kresers Großeltern besaßen seit 1973 das Brennrecht und stellten in ihrer kleinen Brennerei im Örtchen Rodenbach Obstler her. “Wie man Schnaps brennt, hat keiner von uns gelernt”, sagt Kreser. Aber als Kind wurde er immer mal wieder bei Oma und Opa „geparkt“, half in der Brennerei mit und eignete sich so sein Wissen an. Dieses Wissen gibt er heute an seine Freunde weiter. Sammeln, brennen, kritzeln, verkosten, ausspucken und wieder von vorne.

Apfelernte für den Snow White Gin. Foto: © Bernhard Huber

So verging ein Jahr, in dem sich die „Schnapsidee“ in eine gläserne Apothekerflasche mit hochprozentigem Inhalt verwandelte. Süße Äpfel. Bittere, leicht harzige Wacholderbeeren. Zitrusaromen von den Nadeln der Douglasie. Und dann ist da noch die eine oder andere Geheimzutat, welche die Hobbybrenner nicht verraten. „Unser Gin soll wie ein Spaziergang durch den Wald an einem frischen Sommermorgen schmecken.“ In Skrobaneks Worten steckt ein Anflug von Poesie. Ein Gin aus dem Wald für den Wald. Denn damit verbinden die jungen Männer noch eine andere Geschichte: Der Sage nach ist Lohr am Main, die Heimatstadt der Brenner, auch die Heimat Schneewittchens.

Als Vorbild der Märchenfigur gilt das Freifräulein von Erthal, das Mitte des 18. Jahrhunderts in Lohr am Main gelebt hat. Große Märchenfans sind die Freunde nicht, aber von schönen Frauen fühlten sie sich schon immer angezogen. Und so schrieben die Vier kurzerhand ihr eigenes Märchen: Vier Zwerge sammeln im Wald Nadeln, Holz, Äpfel und Beeren und stellen daraus einen Trunk für Schneewittchen her, um deren Schönheit zu bewahren. Klingt wie ein Märchen, ist aber auch eine clevere Vermarktungsstrategie. Schneewittchen hält auf dem Etikett der Flasche natürlich keinen Apfel in der Hand, sondern ihre eigene Gin-Flasche. Die Märchenfigur ist auch die Namenspatronin des Wacholderschnapses: Snow White Gin. Warum die englische Variante? „Ganz einfach, weil der Name Schneewittchen zu lang für das Etikett war“, sagt Skrobanek und grinst. Klar, ganz einfach.
Ihre persönliche Schneewittchenfigur kommt aus der Feder des 28-jährigen Konstrukteurs. Ihr Haar, so schwarz wie Ebenholz, legt sich in einem geflochtenen Zopf über die Schulter. Ihre Lippen sind auf dem in schwarzweiß gehaltenem Etikett zwar nicht rot wie Blut, stehen aber in einem starken Kontrast zu der schneeweißen Haut. Skrobanek steckt Schneewittchen in ein Dirndl. Der Betrachter sieht sie erst, wenn er die Flasche leicht nach hinten neigt. Durch einen angedeuteten Spiegel auf der Vorderseite erkennt er die Märchenfigur. Wer genau hinsieht, bemerkt im Hintergrund die Zwerge, die im Wald die Zutaten sammeln und sie im Schubkarren zu der Brennerei bringen.
Gute, alte Handarbeit ist es, worauf die Vier setzen. Nur eine einzige Maschine ist bei ihnen im Einsatz. Mit ihrer „Mitarbeiterin des Monats“, wie sie die Flaschenabfüllanlage nennen, füllen sie ihren Gin ab. Heute darf ich das machen. Die volle Flasche stelle ich unter einen umfunktionierten Bohrmaschinenhalter und stecke einen Korken in den Flaschenhals. Oben ist ein Hebel. Den drücke ich mit beiden Händen fest hinunter, bis der Korken immer weiter in die Öffnung wandert.

Kein Schneewittchen ohne Apfel

 

Auch die Etiketten kleben die jungen Männer selbst auf. Obwohl mir ein Laser helfen soll, die Flaschenmitte zu treffen, sitzt mein Etikett am Ende schräg. Sei es drum, meine erste selbst abgefüllte Flasche Gin ist eben ein Unikat. 5000 Flaschen Gin haben die Jungs bereits verkauft. Wie viele Flaschen jeder von ihnen selbst getrunken hat, wissen sie nicht so genau. An Brenntagen wie heute werkeln die Freunde im Innenhof ihrer kleinen Brennerei regelmäßig zwölf Stunden. Ein sehr zeitaufwendiges Hobby, da sind sich die Vier einig. Schweißtreibend wird es besonders dann, wenn sie das Quellwasser zum Verdünnen ihres Schnapses aus einer Quelle im Wald holen. „Mit Eimern schleppen wir das Wasser dann raus“, sagt Skrobanek. Zum Glück steht die Apfelernte nur einmal im Jahr an. Apropos Äpfel: Es gibt unzählige Gin-Sorten. Der Apfel als Botanical ist dagegen selten.

„Zum einen gehört er zu Schneewittchen und zum anderen verwenden wir ihn, weil wir ihn haben“, sagt Kreser. Seinen Eltern gehört eine Apfelplantage im Ort. Nach meiner unschönen Erfahrung mit dem 86-prozentigen Gin-Destillat ist es an der Zeit, den fertigen Snow White Gin zu verkosten. Ohne Eis und Tonic. Im Mund schmecke ich die Süße der Äpfel. Beim Hinunterschlucken schiebt sich der würzig-bittere Wacholder in den Vordergrund. Ich bevorzuge dann trotzdem die Variante mit Tonic Water und Zitrone. Was ich bei dem Gin Tonic in meiner Hand vermisse, ist eine auf den Glasrand gesteckte Apfelscheibe. Aber vielleicht haben die vier Zwerge Angst, dass sich Schneewittchen an dem Apfelstück verschlucken könnte…

 

Mit dem Snow White Gin kann man allerhand leckere Cocktails kreieren – vom Klassiker über Gin Fizz und Gin Elder bis zu The Most Beautiful

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Christine Henze

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