Fünfmal Dialekt und was dahintersteckt

Mundart leicht gemacht. Sie haben Fragen, Dialektforscherin Elisabeth Wellner hat die Antwort. (Foto: imago)

Der bayerische Dialekt hat viele Facetten, aber auch Tücken. Grund genug, so einigen Wörtern einmal auf den Zahn zu fühlen. In unserer Kategorie “Fünfmal Dialekt und was dahintersteckt” erklärt Dialektforscherin Dr. Elisabeth Wellner fünf Begriffe in Mundart, bei denen so mancher wohl nur Bahnhof verstehen würde.

Frage 1 von Maria B.: Was ist ein “Xidi”?

 

Dialektforscherin Elisabeth Wellner: Ein Xidi ist ein Tölpel oder Hanswurst, also ein einfältiger, gutmütiger, unbeholfener Kerl. In der gleichen Bedeutung wird auch der Ausdruck “Xaverl” verwendet. Dabei kommt das “X” daher, dass die Kurz-, beziehungsweise Koseform von Ägidius (Gidi) und “Xare”, was von Xaverl kommt und ebenfalls in dieser Bedeutung verwendet wird, durch eine Wortkreuzung (Kontamination) miteinader zu “Xidi” verschmolzen sind.

Frage 2 von Philip W.: Warum sagt man “einen Hadern drauf haben”?

 

Dialektforscherin Elisabeth Wellner: Der Ausdruck “mit so einem Hadern kommt er daher” oder “einen Hadern drauf haben” für hohe Geschwindigkeit ist tatsächlich nicht im Freistaat Bayern, jedoch in Österreich gebräuchlich. Es handelt sich vom Ursprung her um das gleiche Wort wie das bei uns oft gehörte “Hadern” für Lappen, Lumpen oder auch abgetragene Kleidung. Ab dem 10. Jahrhundert ist das althochdeutsche Wort “hadara” belegt, das damals schon Lumpen oder Fetzen bedeutete. Wie kommt man aber von Lumpen und Fetzen zu “hoher Geschwindigkeit”? Zunächst ist das Verb “fetzen” sowohl in Bayern als auch in Österreich für “sich schnell bewegen, flitzen” gängig. Noch wichtiger für die Herleitung erscheint aber, dass “Hadern” und “Fetzen” in Österreich gleichermaßen gebraucht werden, wobei der “Fetzen” als Putzlumpen mittlerweile überwiegt. In Österreich sagt man daher auch “der hat einen Fetzen drauf” für “er ist mit hoher Geschwindigkeit unterwegs”.

Frage 3 von Irmgard H.: Was ist ein “Mog’ntrazerl”?

 

Dialektforscherin Elisabeth Wellner: Ein Mog’ntrazerl ist ein kleiner Appetithappen, also eine sehr kleine Mahlzeit, bei der unser Magen nur geneckt wird. Denn das Wort “tretzen” oder “tratzen” bedeutete bereits in der vorherigen Sprachperiode, dem Mittelhochdeutschen, “trotzen”, “reizen” oder “necken”. Um auch wirklich klar zu machen, dass es sich beim Mog’ntrazerl um eine kleine Portion handelt, hängt man als Nachsilbe -erl an.

Frage 4 von Elsbeth E.: Wo kommt der alte Begriff “Schperl” her?

 

Dialektforscherin Elisabeth Wellner: Das Wort “Sperl” hat im Dialekt tatsächlich drei Bedeutungen, die aber alle das Bedeutungsmerkmal “Nadel” enthalten. Es kann sowohl “Tannen- oder Fichtennadel”, als auch “Stecknadel” und “Sicherheitsnadel” bedeuten. Die Bedeutung “Tannennadel” ist heute nur noch selten zu finden, vorzugsweise im Bayerischen Wald. In den meisten Gegenden ist das “Sperl” aber eine Stecknadel. So zum Beispiel im Dialekt von Berchtesgaden, Vilsbiburg, Freilassing oder Bad Tölz. Vermutlich wurde erst im Laufe der Zeit aus “Sperl” in manchen Gegenden eine Sicherheitsnadel. Man hat dem Wort also eine speziellere Bedeutung zugewiesen. Diese ist zum Beispiel in Frontenhausen, Michelsneukirchen oder Aiterhofen nachweisbar. Bleibt noch die Frage, wo das Wort “Sperl” seinen Ursprung hat. Tatsächlich taucht bereits im Althochdeutschen, also im Zeitraum von 750 bis 1050, das Wort “spenula” auf, das ebenfalls “Stecknadel” bedeutete. In althochdeutscher Zeit wurde es wiederum aus dem Lateinischen übernommen. In der darauf folgenden Sprachperiode, dem Mittelhochdeutschen, wird daraus “spenel” und das hält sich bis heute im Dialekt als “Sperl”. Sprachgeschichtlich gesehen ist die Sicherheitsnadel also sicher erst in jüngerer Zeit damit gemeint. Sie wurde schließlich erst 1849 erfunden.

Frage 5 von Fred H.: Ist “sei sei” bayerisch-grammatikalisch richtig?

 

Dialektforscherin Elisabeth Wellner: “sei sei” kann man zunächst wörtlich übersetzen mit “selb sein”, was “dort sein” bedeutet. Sein “i” hat das Wort nicht vom ähnlich klingenden “sein” übernommen, sondern dadurch erhalten, dass im mittelbairischen Dialektraum (also Niederbayern, Oberbayern und Teile Österreichs) das “l” zum “i” umgewandelt wird. Dementsprechend gibt es auch Gegenden, in denen das “l” noch erhalten ist. Und was macht das “sein” in diesem Fall, wenn es doch schon sein “n” verliert? Man spricht es etwas durch die Nase, das heißt, beim Aussprechen kommt Luft aus der Nase. Der Sprachwissenschaftler sagt dazu nasaliert. So ist der beschriebene Klang des Verbs “sein” zu erklären. “Selb” oder “derselben” wird übrigens im Dialekt auch in der Bedeutung “damals”, “seinerzeit” verwendet. In der Bedeutung “dort” ist das Wort auf jeden Fall für das Bairische belegt. In der Bedeutung “damals” auch im Fränkischen. Bezogen auf den Dialekt ist es also grammatikalisch nicht falsch.

Haben auch Sie eine Frage zum bairischen Dialekt? Dann schreiben Sie uns an redaktion@bayernsbestes.de

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Matthias Jell

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